Zuletzt Hoffnung
Fangen wir ganz weit vorne an. Bei Orpheus, dem Ur-Sänger. Orpheus erhob seine Stimme, um die Götter zu besänftigen, er wollte seine geliebte Eurydike zurück, die im Totenreich weinte. Was er mit seiner Stimme und der Lyra vermochte, vergeigte der Sehnende allerdings durch seinen Argwohn. Weil er der Kraft der vokalen Überwältigung misstraute, schaute Orpheus sich um. Und verlor im selben Augenblick, was er kurz zuvor gewonnen hatte.
In der Sozialgeschichte der Oper ist dieses tragische Erlebnis mehrere hundert Male aufgegriffen worden.
Menschen auf der Bühne singen, weil sie in Not sind, weil sie ihren Emotionen freien Lauf lassen wollen, weil sie andere überzeugen, überreden, im besten Fall erschüttern wollen. Auch den Protagonisten in Luigi Nonos Azione scenica in due tempi «Intolleranza» geht es nicht anders. Sie singen, um ihre Qualen loszuwerden, um gegen Missstände aufzubegehren und den Weg freizuschaufeln für ein besseres Leben mit besseren Menschen. Vor allem einer tut sich darin hervor. Der «Emigrante», jener Mann, der jahrelang als Bergarbeiter in der Fremde sein spärliches Geld verdient hat und nun nur noch eines will: nach Hause, zu den Menschen, die ihn verstehen, die ...
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Opernwelt August 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Die größten Tyrannen finden wir bei William Shakespeare. Leontes, von Eifersucht zerfressen, Richard III., der Fieseste von allen, ferner einige der Heinrichs, Claudius, Julius Caesar, Titus Andronicus. Sie alle zeichnet ein untrüglicher Hang zum Sadismus aus, der unbeugsame Wille zur uneingeschränkten Ausübung ihrer Macht, und sei es gegen jede humane Vernunft und...
Was wohl wäre die ideale künstlerische Form für die Reise ins tiefste Innere zweier Nachtgeweihter, die, der Welt abhanden gekommen, von ihrer Seelenbewegung singen? Mathilde Wesendoncks Gedichte «Im Treibhaus» oder «Träume», die Richard Wagner in harmonisch zum Bersten gespannte Töne setzte? Ein für die Oper adaptiertes Kammerspiel von Strindberg? Ein auf das...
Siegfried Wagner ist ein Unikat in der Musikgeschichte: So selten seine Opern gespielt werden, so häufig sind die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit seinem Werk. Jetzt liegt eine Dissertation von Daniela Klotz, die zur Promotion an der Universität Salzburg führte, in Buchform vor. Die Autorin untersucht das Vexierspiel, das der Sohn Siegfried mit den...
