Simulierte Soap

Antonio Pappano und Lydia Steier bringen an der Staatsoper Berlin Puccinis «La fanciulla del West» heraus

Natürlich ist das Ganze grandioser Kitsch. An der Elle dramaturgischer Logik oder psychologischer Plausibilität sollte man die Story der keuschen Maid nicht messen, die im Goldrausch-Westen Amerikas unter lauter zwielichtigen Kerlen tapfer ihre Frau steht, um am Ende einen zugelaufenen Desperado direkt vom Galgen ins Eheglück zu führen. Schon das um die vorletzte Jahrhundertwende auf US-Bühnen höchst erfolgreiche Melodrama von David Belasco, das Puccini für seine siebte Oper, ein Auftragswerk der New Yorker Met, bemühte, zielte auf die Tränendrüse, Lacher inklusive.

Zum Schluchzen sentimental geriet dann Guelfo Civininis und Carlo Zangarinis Libretto für den 1910 uraufgeführten Dreiakter. Selbst ein wohlgesonnen beschlagener Verehrer wie der Puccini-Biograf Dieter Schickling stellt den Verfassern des Plots miserable Noten aus. Das Gerüst: eine banale Dreiecksgeschichte – zwei Männer, eine Frau. Der Rest: atmosphärische Kulisse. Warum Jungfer Minnie, belesen und bibelfest, in der kalifornischen Wildnis eine Schänke betreibt, bleibt so unerfindlich wie die Gabe, ihre an Whiskey, Huren und rauchende Colts gewöhnte Macho-Klientel mit Moralpredigten in ihren Bann zu schlagen. Und wieso ...

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Opernwelt August 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann

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