Simulierte Soap
Natürlich ist das Ganze grandioser Kitsch. An der Elle dramaturgischer Logik oder psychologischer Plausibilität sollte man die Story der keuschen Maid nicht messen, die im Goldrausch-Westen Amerikas unter lauter zwielichtigen Kerlen tapfer ihre Frau steht, um am Ende einen zugelaufenen Desperado direkt vom Galgen ins Eheglück zu führen. Schon das um die vorletzte Jahrhundertwende auf US-Bühnen höchst erfolgreiche Melodrama von David Belasco, das Puccini für seine siebte Oper, ein Auftragswerk der New Yorker Met, bemühte, zielte auf die Tränendrüse, Lacher inklusive.
Zum Schluchzen sentimental geriet dann Guelfo Civininis und Carlo Zangarinis Libretto für den 1910 uraufgeführten Dreiakter. Selbst ein wohlgesonnen beschlagener Verehrer wie der Puccini-Biograf Dieter Schickling stellt den Verfassern des Plots miserable Noten aus. Das Gerüst: eine banale Dreiecksgeschichte – zwei Männer, eine Frau. Der Rest: atmosphärische Kulisse. Warum Jungfer Minnie, belesen und bibelfest, in der kalifornischen Wildnis eine Schänke betreibt, bleibt so unerfindlich wie die Gabe, ihre an Whiskey, Huren und rauchende Colts gewöhnte Macho-Klientel mit Moralpredigten in ihren Bann zu schlagen. Und wieso ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
In Wien sind das Volkstümliche und das Elitäre, das Heitere und der Ernst in der Literatur wie in der Musik seit jeher nie ganz getrennte Wege gegangen – und das noch in der jüngsten Vergangenheit, wie die Namen von Georg Kreisler und Helmut Qualtinger, Friedrich Gulda und Gerhard Rühm, Kurt Schwertsik und Otto M. Zykan, H. C. Artmann und Ernst Jandl signalisieren....
Was wohl wäre die ideale künstlerische Form für die Reise ins tiefste Innere zweier Nachtgeweihter, die, der Welt abhanden gekommen, von ihrer Seelenbewegung singen? Mathilde Wesendoncks Gedichte «Im Treibhaus» oder «Träume», die Richard Wagner in harmonisch zum Bersten gespannte Töne setzte? Ein für die Oper adaptiertes Kammerspiel von Strindberg? Ein auf das...
Die Wolfsschlucht liegt neuerdings an der Seine. Jedenfalls, wenn man sie an den tiefgründigen Sounds misst, die – bei allem spukhaft fabulierten Freikugelzauber – ihr Eigentliches sind. Überhaupt ist es mit dem 2012 von der Dirigentin Laurence Equilbey gegründeten Insula orchestra eine französische Kapelle, die derzeit wie keine zweite aus dem Geist und der Zeit...
