Zu schön, um wahr zu sein

Ethel Smyths «Strandräuber» in Gießen

Über dem Jugendstilportal des Gießener Stadttheaters ist bis heute in Goldbuchstaben festgehalten, wofür die Bauherren ihr Geld ausgaben: «Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns». Hundert Jahre ist das Haus alt und inmitten der im Zweiten Weltkrieg völlig zerbombten Stadt ein architektonisches Solitär. Die Oper, die Intendantin Catherine Miville zum Jubiläum angesetzt hat, zeigt allerdings, dass man es weder mit dem Denkmal noch mit dem bürgerlichen Gemeinsinn allzu wörtlich nehmen muss. Und das ist gut so.


«Strandräuber» von Ethel Smyth ist ein Stück über antibürgerliche Anarchie. Es geht um eine Dorfgemeinschaft an Cornwalls Küste, die mit falschen Leuchtsignalen dafür sorgt, dass sturmgefährdete Schiffe an den Klippen der Scilly-Inseln zerschellen. Was an Land gespült wird, kann, so will es das Recht und eine bigotte Religiosität, eingesackt werden. Sollten lebende Menschen dabei sein, räumt man aus dem Weg, was das Meer nicht geschafft hat. «Die Schiffe sind unser Brot», davon ist der Dorfpries­ter überzeugt. Das Stück, uraufgeführt 1906 in Leipzig, war in England nie ganz vergessen. Dirigierstars wie Thomas Beecham, John Barbirolli oder Bruno Walter haben sich dafür eingesetzt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2007
Rubrik: Im Focus, Seite 13
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ein Bild zerfällt

In Oscar Wildes Roman «Das Bildnis des Dorian Gray» lässt sich der Titelheld in seiner Jugend von einem berühmten Maler porträtieren, um wenigstens auf dem Bild etwas von seiner Schönheit zu bewahren. Vorsorglich verhängt er das Gemälde, um nicht jeden Tag die wachsende Differenz zwischen Abbild und persönlicher Realität feststellen zu müssen. Bekanntlich geht die...

Szenische Kontrapunktik

Ein Kamin in der Villa Wahnfried, auf dem Sims ein Bild des alten Abbé Liszt, made by Hanfstaengl. Im Fauteuil davor ein smarter Herr im Freizeithemd, entspannt, doch konzentriert seinen Gesprächspartnern lauschend, auf den ers­ten Blick eher Technokrat denn Künstler. Es ist ein Foto anlässlich des be­rühmten «Spiegel»-Interviews aus dem Jahre 1967, in dem Pierre...

Warten auf den Liebestraum

Auf einem Plastiksitz im Bahnhof wartet sie und schaut in die vorbeiströmende Menge. Hanjo heißt eigentlich Hanako und war Geisha. Sie wartet auf den Mann, mit dem sie vor drei Jahren einen Fächer getauscht hat. Für die junge Frau, die tief verwurzelt ist in den traditionellen Verhaltensweisen Japans, bedeutete das die Verlobung. Nun starrt sie in die Gesichter...