Zu schön, um wahr zu sein
Über dem Jugendstilportal des Gießener Stadttheaters ist bis heute in Goldbuchstaben festgehalten, wofür die Bauherren ihr Geld ausgaben: «Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns». Hundert Jahre ist das Haus alt und inmitten der im Zweiten Weltkrieg völlig zerbombten Stadt ein architektonisches Solitär. Die Oper, die Intendantin Catherine Miville zum Jubiläum angesetzt hat, zeigt allerdings, dass man es weder mit dem Denkmal noch mit dem bürgerlichen Gemeinsinn allzu wörtlich nehmen muss. Und das ist gut so.
«Strandräuber» von Ethel Smyth ist ein Stück über antibürgerliche Anarchie. Es geht um eine Dorfgemeinschaft an Cornwalls Küste, die mit falschen Leuchtsignalen dafür sorgt, dass sturmgefährdete Schiffe an den Klippen der Scilly-Inseln zerschellen. Was an Land gespült wird, kann, so will es das Recht und eine bigotte Religiosität, eingesackt werden. Sollten lebende Menschen dabei sein, räumt man aus dem Weg, was das Meer nicht geschafft hat. «Die Schiffe sind unser Brot», davon ist der Dorfpriester überzeugt. Das Stück, uraufgeführt 1906 in Leipzig, war in England nie ganz vergessen. Dirigierstars wie Thomas Beecham, John Barbirolli oder Bruno Walter haben sich dafür eingesetzt. ...
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Auf einem Plastiksitz im Bahnhof wartet sie und schaut in die vorbeiströmende Menge. Hanjo heißt eigentlich Hanako und war Geisha. Sie wartet auf den Mann, mit dem sie vor drei Jahren einen Fächer getauscht hat. Für die junge Frau, die tief verwurzelt ist in den traditionellen Verhaltensweisen Japans, bedeutete das die Verlobung. Nun starrt sie in die Gesichter...
Mehr Musiktheater gibt’s auch an manch großem Opernhaus nicht. Zumindest, was das Angebot von (Ko-)Produktionen oder komplett eingekauften Abenden betrifft. Acht sind es derer an der Zahl, mit denen das Festspielhaus Baden-Baden in der Spielzeit 2007/08 aufwartet: sieben Opern (darunter dreimal Wagner und eine konzertante «Sonnambula» mit Cecilia Bartoli und...
Es ist dieses Gesicht, das so fesselt. Diese fragenden, horchenden, auch verwirrten Züge, diese großen, sprechenden, flackernden Augen. So wie Marianne Denicourt, denkt man unwillkürlich, könnte sie ausgesehen, geredet, sich bewegt haben. So – dies vor allem – täte sie es, lebte sie heute. Voraussetzung Nummer eins für eine Werkvergegenwärtigung, wie sie in Basel...
