Zimmer ohne Aussicht
Was wohl besser ist? Mit zwei Dutzend Mitbewerbern im Treppenhaus Schlange zu stehen vor der Mietwohnung respektive vor dem Makler, in der Tasche Lebenslauf und Kapitalnachweis? Oder nach der gleichen Warterei (und dem «ordentlichen» Schmieren der Verantwortlichen) ein Objekt zugeteilt zu bekommen, um schließlich im Plattenbau am Stadtrand zu landen? Ob Russland 1959 oder Deutschland 2021 – «Moskau, Tscherjomuschki» geht immer.
Dabei dreht sich die heiß laufende Satire, die Dmitri Schostakowitsch, befreit von lebensgefährlichen Anfeindungen zwei Jahrzehnte zuvor, in Chruschtschows Tauwetter-Periode herausbrachte, gar nicht um Wohnungsnot allein. Es ist der verächtliche Blick auf ein System, das mit Versprechungen lockt und Verheißungen behauptet, beim Realitätstest aber ständig durchfällt.
Auch da lassen sich also locker Parallelen zur Jetztzeit ziehen. Nicht umsonst kam das zweistündige Stück in den letzten eineinhalb Jahrzehnten unter anderem an der Semperoper, in Lyon, im Berliner Schillertheater, in Bregenz und auf der Studiobühne der Hamburgischen Staatsoper heraus. Auch Augsburg hat sein Tscherjomuschki, eine Trabantenstadt, die hier Herrenbachviertel heißt. Mit der ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Markus Thiel
Es ist ein Doppelabend, der kontrastreicher nicht sein könnte: Jenseits trifft auf Hier und Jetzt, Minimalismus auf Prunk und Protz, Ernsthaftigkeit auf Komik. Und doch haben «A Gentle Spirit» und «The Bear», Kammeroper und Extravaganza, eine Parallele: Ein Part eines Ehepaares ist nicht mehr, der oder die Zurückgebliebene muss einen Weg der Verarbeitung finden....
Die inzwischen fast zwei Jahre andauernde Corona-Pandemie hat für die Musiktheater Italiens zwei Trends verschärft, die sie vorher noch ein wenig aus der Ferne wahrgenommen hatten. Vor der Pandemie schien das allmähliche Altern des Publikums und das Abbröckeln der Nachfrage ein Problem, das man jedoch glaubte, vor allem mit Mitteln der Spielplanpolitik, lösen zu...
Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen. In diesem Hause wohnte mein Schatz. Sie hat schon längst die Stadt verlassen. Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.» So heißt es – von Heinrich Heine getextet und von Franz Schubert düster, ostinativ und h-Moll-existenziell in Noten gesetzt – in dem «Schwanengesang»-Lied «Der Doppelgänger». Schon immer erinnerten...
