Wie in Trance
Wozzecks Welt ist eine Scheibe. Fällt er von ihrem Rand, was ihm im Verlauf des Abends ein paar Mal passiert, fällt er ins abgründige Universum seiner wirren Fantasie. Martin Winkler spielt und singt das mit wilder, weher Leidenschaft und großer, fülliger Stimme; ein grob gewobener, doch gutmütiger Kerl, dem die Mitwelt so übel zusetzt, dass er sich zuletzt an dem rächt, was er am liebsten hat – an Marie, der Mutter seines Kindes.
Die attraktive Nicola Beller Carbone, eine «Mahagonny»-Jenny eher als das arme Büchner’sche Kleinstadtflittchen, stirbt denn auch mit einem Ausdruck entsetzten Staunens im Gesicht.
Dass man sich bei der Inszenierung, die Regisseur Philipp Himmelmann und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker da auf die Bühne des Grazer Opernhauses gestemmt haben, etwa an Wieland Wagners Neubayreuth erinnert, ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Das Hinterhirn speichert wohl große theatralische Leistungen, auf dass das Unterbewusstsein sie bei Bedarf assoziativ aufsteigen lässt. Im Falle dieses «Wozzeck» ist es die Spielscheibe, die sich dreht und wendet wie in Trance, ergänzt durch einen Sternenhimmel – eine Vielzahl von aus dem Bühnenhimmel hängenden Glühbirnen –, der Wozzeck ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Überkandidelt», sagte jemand nach der Premiere von Strauss’ «Capriccio» an der Wiener Staatsoper. Das Wort mag etwas mit dem Kandieren zu tun haben, einer Konservierungsmethode für Obst, die den Zuckergehalt erhöht und den Wassergehalt reduziert. Die Assoziation hätte etwas für sich, denn der Gehalt von Strauss’ Partitur an reifer, gelegentlich überbordender Süße...
Seine Schwäche fürs erotische Intermezzo hat «Il turco in Italia» wenig genützt. Rossinis Oper über den Seitensprung wurde zumindest in Berlin seit Ewigkeiten nicht aufgeführt. Man muss das Stück leicht nehmen können. Dass der stets eilige Rossini «Il turco» 1814 nicht allein, sondern mit fremder Hilfe vollendete (bei den Rezitativen und beim Schluss), tat ein...
Die ganze Welt ist grau. Wie eine unüberwindbare, gleichwohl atmende Wand erstrecken sich die Plastikbahnen zur Rechten und zur Linken der Bühne, die Paul Zoller ersonnen; straff gespannt und anthrazit schimmernd auf der Rückseite. Nimmt man nun noch die an der Decke befestigten Neonröhren hinzu, ergibt sich das Bild eines kühl-kargen, unbewohnten Ortes. Es ist...
