Große Oper mit kleinen Leuten

Frisch aus Pesaro: Rossinis «La gazza ladra»

Opernwelt - Logo

Mit seiner 1817 uraufgeführten «Diebischen Elster» schuf Gioacchino Rossini sozialistisches Musiktheater, lange bevor es den Sozialismus gab: Die Heldin dieses melodramma, das Dienstmädchen Ninetta, stammt nicht bloß aus der untersten Gesellschaftsschicht, sondern nimmt für ihre Gefühle auch noch die große Arienform in Besitz, die bis dahin weitgehend der Upperclass vorbehalten war.

Tatsächlich ist das auf einer wahren Begebenheit beruhende Stück eine einzige Anklage gegen obrigkeitliche Willkür und handelt dreieinhalb Stunden lang von Standesdünkel, Korruption und unmensch­licher Justiz. Die Zeitgenossen Rossinis dürften sich durchaus der Tatsache bewusst gewesen sein, dass die Geschichte im reaktionären Klima der postnapoleonischen Ära auch ohne das in allerletzter Minute herbeigeführte lieto fine enden könnte.
Trotz ihres putzigen Titels gehört die «Els­ter», deren zweiter Akt übrigens durchweg an so tristen Schauplätzen wie Kerker, Gerichtssaal und Schafott spielt, in das geistige Umfeld von Beethovens «Fidelio». Tatsächlich könnte man im Bühnenbild der letztjährigen Inszenierung im Palasport von Pesa­ro auch problemlos Beethovens Befreiungsoper spielen: Der italienische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2008
Rubrik: DVDs, Seite 59
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Das ist auch eine Frage der Qualität»

«Das ist auch eine Frage der Qualität»

Leipziger Turbulenzen II: Peter Konwitschny über Musiktheater als moralische Anstalt, herbeigeredete Konflikte und seine Pläne

Herr Konwitschny, Ihr Kollege Giancarlo del Monaco hat in Zusammenhang mit seiner Inszenierung von «Manon Lescaut», die kürzlich in Leipzig herauskam, gesagt, er mache «Oper für das Publikum». Was...

Famoses Entertainment

«Schlag nach bei Shakespeare», trällern die beiden Ganoven in Cole Porters Broadway-Genie-Streich von 1948. Das Ziel, von der renitenten Schauspielerin Lilli Vanessi alias Katharina die Spielschulden ihres (natürlich immer noch geliebten) Verflossenen Fred Graham alias Petruchio einzutreiben, haben sie zwar nicht erreicht. Und auch der in flotter...

Es gibt kein Entrinnen

Niemand wird bei einer «Jenufa»-Produktion ernstlich die klappernde Mühle am rauschenden Bach erwarten, obwohl sie bei den recht zahlreichen Inszenierungen der jüngsten Zeit immer mal wieder vorkam. Auch in Mannheim wird sie zitiert – aber dann gleich vervielfacht: Achtzehn kleine Mühlsteine, im Kreisrund aufgebaut wie ein Gralstempel für «Parsifal», sind die...