Wahnsinn mit Methode
Musikalischen Bildern der Verrücktheit und des Wahnsinns hat die französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac ihr neues Album gewidmet. Das Außer-sich-Sein und die Liebe liegen in der Kunst wie im Leben nahe beieinander. In einer von La Fontaines Fabeln wird die personifizierte Tollheit, die ihrem Pendant, l’amour, im Streit das Augenlicht geraubt hat, von den Göttern dazu verdammt, auf ewig Führerin des Blinden zu sein.
Und so schmeichelt, seufzt, klagt und rast d’Oustrac denn als emblematische Verführerin mit einer breiten Affekt-Palette, die von der schwarzen Melancholie bis zum überdrehten Wahn und von der Euphorie bis zum Delirium reicht. Die Beispiele pflückt sie sich aus der europäischen Barockmusik – Opern, Kantaten, Liedern –, und die Flötistin Héloïse Gaillard steuert mit ihrem exzellent begleitenden Ensemble Amarillis die passenden Instrumental-Stücke bei, so gleich mit der einleitenden burlesken Sinfonia aus Reinhard Keisers Hamburger Singspiel-Pasticcio «Der lächerliche Printz Jodelet» oder mit John Eccles’ «Ground», bei dem der Wahnsinn sich im Endlos-Drehwurm des Ostinatos austobt.
Den Rahmen setzt d’Oustrac mit zwei Ausschnitten aus Opern von André Campra ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 23
von Uwe Schweikert
Zu Beginn zeichnen die Streicher ein unschuldiges Bibelidyll. Alessandro Stradella legt in der einleitenden Sinfonia seiner frühbarocken Vertonung des «Salome»-Stoffes gleichsam eine falsche Fährte. Schließlich steht bei ihm zunächst ja nicht – wie gut zwei Jahrhunderte später bei Richard Strauss – die im Markus-Evangelium namenlose Tochter der Herodias und deren...
«Parsifal» ist Wagners letztes Musikdrama, dem Untertitel nach ein «Bühnenweihfestspiel». Das ominöse Wort lässt sich in heutige Sprache übertragen: Es bezeichnet die spezifische Einheit von Aufführung, Spielstätte und Handlung, auf die es Wagner ankam, und die er auf vielfältige Weise mit Ritualen durchsetzte. Zwischen «Parsifal» und den Bayreuther Festspielen...
Ich bin nicht souverän. Kann es nicht sein, obwohl die Freiräume wieder größer werden. Die Zeit arbeitet für uns, denkt man, beruhigt man sich. Ja, wir werden wieder Theater spielen. Der Spuk wird ein Ende haben. Aber souverän? NEIN. Ich schaffe das nicht, denn ich muss zugeben, dass ich verstörende Tendenzen in meiner Psyche entdecken musste, auf die ich nicht...
