Nostalgie hilft nicht weiter
Seit es ihn gibt, ist der Wagner-Gesang in der Krise. Warum, versuchte im April 2017 ein mit Wissenschaftlern und Praktikern besetztes Symposium in Wien ästhetisch, historisch, soziologisch und stimmtechnisch einzukreisen – nun sind die Vorträge und Gespräche als Buch erschienen. Wagners Verschmelzung von Wort- und Tonsprache – er selbst spricht in «Oper und Drama» von der «Worttonmelodie der menschlichen Stimme» – forderte das Ideal eines neuartigen Sing-Schauspielers, der sich nicht selbst inszeniert, sondern «gänzlich in den darzustellenden Charakter» versetzt.
Von diesem Grundkonflikt zwischen utopischer Grenzüberschreitung und ihrer Realisierbarkeit, einer dem Sänger übertragenen «Freilegung des Gemeinten bei der Verwirklichung des Geschriebenen», nämlich «der Verschmelzung von Komponist und Sänger auf der Bühne», handelt Laurenz Lüttekens glänzender Essay. Um diesem «Komponieren im Irrealis» (Stephan Mösch) gerecht zu werden, bedarf es allerdings keiner «sakralen Mediation», wie Susanne Vill in einem teilweise wirren Text behauptet, sondern – Mösch demonstriert es am Beispiel von Wolfgang Windgassens Tristan – der Symbiose von Technik, sängerischem Intellekt und theatraler ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Uwe Schweikert
Michail Glinka war also Antisemit. Und deshalb darf die Berliner U-Bahn-Station «Mohrenstraße» nicht nach der Straße umbenannt werden, in der das Haus liegt, in dem der russische Komponist 1857 starb.
Mit Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus in der Operngeschichte ist es freilich eine vertrackte Sache. In Berlin hält die U-Bahn auch am «Richard-Wagner-Platz»....
Zu Beginn zeichnen die Streicher ein unschuldiges Bibelidyll. Alessandro Stradella legt in der einleitenden Sinfonia seiner frühbarocken Vertonung des «Salome»-Stoffes gleichsam eine falsche Fährte. Schließlich steht bei ihm zunächst ja nicht – wie gut zwei Jahrhunderte später bei Richard Strauss – die im Markus-Evangelium namenlose Tochter der Herodias und deren...
Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische...
