Die Wellen des Raumes
Nachdem der fragwürdige Staatsrechtler Carl Schmitt im Alter seiner Paranoia verfallen war, äußerte er zu einem Bekannten, er müsse seinen berühmten Satz «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», den er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben habe, korrigieren. Nun sage er stattdessen: «Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.»
Das klingt in seiner ganzen Wahnsinnigkeit heute fast schon wieder vernünftig.
Denn wenn auch unklar ist, wer über die uns umgebenden Wellen verfügt, so wird doch immer deutlicher, dass die großen Machtfragen, die Stimmungsumschwünge der Bevölkerung und die Ermittlungen von Relevanz künftig im Netz stattfinden werden – auch und gerade, wenn es um Kunst und Künste geht.
Für die Theater wird das insofern zum Problem, als dass sie Enklave einer gesellschaftlichen Leiblichkeit im Sinne des 19. Jahrhunderts sind. In der Pandemie hatte man dadurch über Wochen den Eindruck, die stolzen Kulturtempel wären vom Erdboden verschluckt worden, abgesehen von den oft laienhaften Clips, die aus dem künstlerischen Jenseits herüberstrahlten. Und bis heute bleibt unklar, wie ohne Impfstoff wieder ein Normalbetrieb erreicht werden könnte – einerseits, ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 42
von Jan Dvořák
Es glich dem «Lied überm Staub danach», rief Ingeborg Bachmann, Österreichs Zauberin des lyrischen Wortes, einer zerbrochenen Liebe nach. Gemeint war das Schauspiel «Jedermann» ihres Landsmanns Hugo von Hofmannsthal, das, zuvor in Berlin von der Kritik verrissenen, am 22. August 1920 über den Salzburger Domplatz schallte. Ein schlichtes Gastspiel aus der Hauptstadt...
«Parsifal» ist Wagners letztes Musikdrama, dem Untertitel nach ein «Bühnenweihfestspiel». Das ominöse Wort lässt sich in heutige Sprache übertragen: Es bezeichnet die spezifische Einheit von Aufführung, Spielstätte und Handlung, auf die es Wagner ankam, und die er auf vielfältige Weise mit Ritualen durchsetzte. Zwischen «Parsifal» und den Bayreuther Festspielen...
Sie könnte die musikalische Gattung der Stunde sein. Weil sie den Menschen in nicht gerade einfachen Zeiten ein bisschen Ablenkung verschaffte, im besten Fall Unterhaltung auf hohem Niveau. Und weil sie immer flexibel auf die jeweiligen Gegebenheiten zu reagieren, sich ihnen anzupassen wusste. Diese Flexibilität zeichneten die Operette und ihre Macher von jeher...
