Vornehmes Pathos
Zu Beginn zeichnen die Streicher ein unschuldiges Bibelidyll. Alessandro Stradella legt in der einleitenden Sinfonia seiner frühbarocken Vertonung des «Salome»-Stoffes gleichsam eine falsche Fährte. Schließlich steht bei ihm zunächst ja nicht – wie gut zwei Jahrhunderte später bei Richard Strauss – die im Markus-Evangelium namenlose Tochter der Herodias und deren sexuelles Erwachen im Fokus seiner kompositorischen Anteilnahme. Er spürt vielmehr der glaubensgewissen Himmelshoffnung des titelgebenden Gottesmanns nach.
Den Täufer Christi hatte zur Uraufführung anno 1675 in der römischen Kirche San Giovanni dei Fiorentini der berühmte Kastrat Giovanni Francesco Grossi verkörpert. Der Siface genannte Star war bevorzugter Interpret der Opern von Cavalli und später auch jener von Scarlatti. Ein die sensationslüsternen Ohren seines Publikums kitzelndes Feuerwerk vokaler Kunstfertigkeiten durfte der Sänger darin freilich nicht entzünden. Denn Stradella betonte ganz das vornehme Pathos eines der Welt abhanden Gekommenen, der sein Schicksal vollends annimmt. Paul-Antoine Benos-Djian leiht dem Johannes in dieser feinsinnigen Einspielung seinen beseelten, reinen, nobel fließenden Countertenor.
...Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Peter Krause
Gleich drei Ausstellungen hat Alexander Kluge in den vergangenen Monaten der Oper gewidmet: an seinem Geburtsort Halberstadt, in Ulm, wo er an der Hochschule für Gestaltung gemeinsam mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung leitete, und in Stuttgart, wo er bis in die Gegenwart hinein die Entstehung von Inszenierungen verfolgt. Die 400-jährige Geschichte der...
Seit es ihn gibt, ist der Wagner-Gesang in der Krise. Warum, versuchte im April 2017 ein mit Wissenschaftlern und Praktikern besetztes Symposium in Wien ästhetisch, historisch, soziologisch und stimmtechnisch einzukreisen – nun sind die Vorträge und Gespräche als Buch erschienen. Wagners Verschmelzung von Wort- und Tonsprache – er selbst spricht in «Oper und Drama»...
Während dieser Zeit der Pandemie habe ich, wie einige andere darstellende Künstler, verschiedene Phasen durchlaufen. Zunächst eine tatenlose Depression darüber, plötzlich aus dem künstlerischen Leben gerissen zu sein, über all die abgesagten, metikulös vorbereiteten, zum Teil fertiggeprobten Projekte. Einige sind unwiederbringlich verloren, andere auf unbestimmte...
