Eine neue Identität
Einige Kollegen haben sich mit unmöglichen Verträgen, Dienstverhältnissen und Paragrafen beschäftigt, die uns seit Jahren das Berufsleben schwer machen und nun in der Krise auf den Kopf gefallen sind. Das war ein Hauptthema in unserer Musikerfamilie und natürlich drehen sich nach wie vor viele Gespräche bis tief in die Nacht um genau diese Themen. Doch ich muss es gestehen – für mich bedeutete diese Zeit primär die einmalige Chance, der Entwicklung meiner Stimme Raum zu geben.
Einer Entwicklung, die sich schon eine Weile angedeutet hatte, der ich im «laufenden Betrieb» aber nicht nachgehen konnte: Corona bot mir die Möglichkeit, diese Monate zu nutzen, einen Fachwechsel vom lyrischen Sopran zum Mezzosopran vorzubereiten.
Gleich voraus: Ich meine damit natürlich nicht den schwarzen Alt. Es geht um die Tessitur, in der ich mich vorzugsweise bewege, die beim Mezzosopran eben ein wenig tiefer liegt, aber durchaus Ausflüge in die Höhe oder Tiefe zulässt. Diese «Vermittlerin» zwischen Alt und Sopran gab es zwar biologisch sicher schon immer, aber früher hieß sie «zweiter Sopran» oder «soprano corto». Noch bei Mozart, erst recht bei Bach sucht man solche Bezeichnungen vergebens. Aber das ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 47
von Anna Lucia Richter
«Beaucoup de douceur et de sensibilité» verlangt Jean-Baptiste Lemoyne von Theseus’ unglücklichem Sohn Hippolyte bei dessen Abschied von den Jagdgefährten. Der blindwütige Vater schickt ihn ins sichere Verderben. Ein großes elegisches Chor-Tableau hält in der sich anbahnenden Katastrophe die Zeit an. Der weite Spielraum des Ausdrucks der Leidenschaften, die Balance...
Wie alle freischaffenden Musiker bin auch ich durch den Corona-Ausnahmezustand heftig mit meinem Beruf als Sängerin zeitgenössischer Musik konfrontiert worden. Bisher habe ich ihn immer als Berufung empfunden. Ungeliebte Lücken im Kalender gab es ja schon öfter, aber ein Berufsverbot auf unbestimmte Zeit war nie einkalkuliert.
Aus voller Fahrt ausgebremst, stellte...
JUBILARE
Wenige haben den Diskurs über Oper und Musiktheater heute stärker geprägt als er. Mit Adorno, Heidegger und Derrida im Hinterkopf, begriff Klaus Zehelein künstlerisches Handeln stets als reflektierte Auseinandersetzung mit der Gegenwart des Vergangenen und der Geschichtlichkeit des Gegenwärtigen. Angefangen hat er in den 1960er-Jahren als junger...
