Von der Banalität des Bösen

Stuttgart, Verdi: Otello

Opernwelt - Logo

Das einzig Aufregende an der Stuttgarter Neuinszenierung von Verdis «Otello» hat Hausherr Klaus Zehelein im Programmheft versteckt: seine in Zusammenarbeit mit dem Dramaturgiehospitanten Oliver Müller geschriebene Deutung des Stücks, die Boitos Libretto und Verdis Musik als liturgisches Zeichensystem entziffert, in dem ein symbolisches Geschehen festgeschrieben ist. Das ist zwar nicht gänzlich neu, aber so konsequent und überzeugend hat bisher niemand etwa Jagos blasphemisch-gegenchristliches Credo oder Desdemonas Marien-Gebet als kultische Überhöhung gelesen.

Aus einem Drama der Eifersucht wird in dieser Lesart ein «Hochamt über den Verlust des Glaubens», den des Glaubens an die Liebe wie an die Geliebte.
Leider war von diesem spekulativen Geist auf der Bühne wenig zu spüren, wenn man einmal von der madonnenhaften Goldpuppe absieht, die die Frauen in der Huldigungsszene des zweiten Aktes Desdemona überreichen – Otello zerschmettert sie im ersten Ausbruch der Raserei. Regisseur Martin Kuˇsej hielt sich dagegen umso mehr an das von Zehelein apostrophierte «Theater der Voraussetzungslosigkeit» und den dafür als Kronzeugen bemühten russischen Theaterrevolutionär Vachtangov mit seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2005
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Erkannte Wahrheit

Im Gegensatz zu «Pelléas et Mélisande», dessen Lib­retto eine von Debussy gekürzte Version von Maeterlincks Schauspiel darstellt, hat Maeterlinck «Ariane et Barbe-Bleue» als «Conte en trois actes» von vornherein als Opernlibretto konzipiert (und an Grieg als Kompo­nis­ten gedacht). Beide Stücke ähneln einander mit ihrem Parlando der Singstimmen, das aus Rhythmus...

Zweibahnstraße

Man muss es nicht so drastisch formulieren wie Gerard Mortier. Der Intendant in Brüssel, Salzburg und jetzt in Paris sah sich und seine Kollegen als Täter: «Jahrelang haben wir so genannten Opernintendanten wie die Vampire frisches Lebensblut gesogen aus der Film- und Schauspielregie.» Nicht immer brachten diese Blutübertragungen den erhofften (Über-)Lebenssaft,...

Sternstunden eines Ensembletheaters

Die Deutsche Oper am Rhein ist mit Recht stolz auf ihre Tradition als Ensembletheater. Viele ihrer Sänger haben internationale Karrieren gemacht und sind trotzdem ihrem Stammhaus treu geblieben. Nicht alle freilich konnten sich ausreichend auf Tonträgern verewigen. Deshalb waren die Vorstellungen in Düsseldorf wie in Duisburg für «Piraten» von jeher beliebte...