Vom Reiz der Intimität

Patrice Chéreau über seinen Bayreuther «Ring», die Arbeit mit Sängern und das Verhältnis von Oper und Film

Opernwelt - Logo

Von den Protesten, die der Bayreuther «Ring»-Produktion 1976 entgegenschlugen, können sich viele, die nicht dabei waren, heute kaum noch eine Vorstellung machen. Dass grimmig blickende Menschen mit Transparenten um das Festspielhaus liefen, auf denen, groß und ernst gemeint, ein Alberich-Zitat stand, war dabei noch das Geringste: «Verflucht sei dieser ‹Ring›». Schon während der Generalproben setzte etwas ein, was man den Tschernobyl-­Effekt nennen könnte: Gerüchte häuften sich, es sei so etwas eingetreten wie der schlimmste anzunehmende Unfall.

Worin dieser Unfall bestand, wurde nur diffus kommuniziert, da in den Generalproben bekanntlich vor allem Familien der Mitwirkenden und Bayreuther Bürger sitzen, also kaum Leute, die gewohnt sind, Aufführungen zu analysieren. Man munkelte eher von Protesten des Orches­ters gegen den Dirigenten, der Bühnentechniker gegen den Regisseur. Die Rheintöchter als Huren, Wotan als Industrieboss, Gunther im Smoking, das war das, was jeder erkannte, und es wurde als Provoka­tion beschimpft. Alternative Wagner-Schutz-­Vereine befürchteten akute Gefahren für die ­Besucher der Aufführungen, warnten nicht nur mit Flugblättern und Broschüren, sondern ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Problematisches Puzzle

Das Théâtre du Grand Saint-Jean bringt eine Prise Glyndebourne nach Aix. Zwanzig Autominuten vor der Stadt liegt ein idyllisches Landgut, man promeniert unter alten Alleen und kann vor der Aufführung picknicken. Gespielt wird im Innenhof, dessen maroden Charme Ivan Theimer in seine Ausstattung des «Barbiere di Siviglia» einbezieht. Fünf verschiebbare Wände genügen...

Oper für alle

Stéphane Lissner ist ein Virtuose des Koproduzierens. Das von ihm geleitete Fes­tival in Aix-en-Provence sieht er als Kraftwerk, dessen Ausstrahlung bis New York reicht. Stolz ist er auf die Liste der Häuser, mit denen Zusammenarbeit besteht. Baden-Baden gehört ebenso dazu wie Londons Barbican Center, Madrid, Lissa­bon und natürlich Wien, wo Liss­ner die Festwochen...

Das lange Sterben

Peter Mussbach macht es uns mit seiner «Traviata»-Sicht nicht leicht, schlimmer: Er langweilt uns. «Diese Straße muss ich gehen» – winterreisenhaft erleben wir eine metaphorische Reise in den Tod, hier als ­Autofahrt, klischeehaft banalisiert, unter ­anderem durch eine Titelfigur im Monroe-Look. Gewiss, auch die Monroe war am Ende ihres Lebens eine Art Todesengel,...