Vom Reiz der Intimität

Patrice Chéreau über seinen Bayreuther «Ring», die Arbeit mit Sängern und das Verhältnis von Oper und Film

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Von den Protesten, die der Bayreuther «Ring»-Produktion 1976 entgegenschlugen, können sich viele, die nicht dabei waren, heute kaum noch eine Vorstellung machen. Dass grimmig blickende Menschen mit Transparenten um das Festspielhaus liefen, auf denen, groß und ernst gemeint, ein Alberich-Zitat stand, war dabei noch das Geringste: «Verflucht sei dieser ‹Ring›». Schon während der Generalproben setzte etwas ein, was man den Tschernobyl-­Effekt nennen könnte: Gerüchte häuften sich, es sei so etwas eingetreten wie der schlimmste anzunehmende Unfall.

Worin dieser Unfall bestand, wurde nur diffus kommuniziert, da in den Generalproben bekanntlich vor allem Familien der Mitwirkenden und Bayreuther Bürger sitzen, also kaum Leute, die gewohnt sind, Aufführungen zu analysieren. Man munkelte eher von Protesten des Orches­ters gegen den Dirigenten, der Bühnentechniker gegen den Regisseur. Die Rheintöchter als Huren, Wotan als Industrieboss, Gunther im Smoking, das war das, was jeder erkannte, und es wurde als Provoka­tion beschimpft. Alternative Wagner-Schutz-­Vereine befürchteten akute Gefahren für die ­Besucher der Aufführungen, warnten nicht nur mit Flugblättern und Broschüren, sondern ...

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Opernwelt September/Oktober 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Verschmelzungsprozess

Wer eine zyklische Aufführung von Ri­chard Wag­ners «Der Ring des Nibelungen» besucht hat, kennt sicher das Gefühl: Von Abend zu Abend wird man stärker in das Geschehen auf der Bühne hineingezogen. Die Figuren des Weltendramas erscheinen einem immer vertrauter: Wotan, Fricka, Brünnhilde, Sieg­mund und Sieglinde, Siegfried und Brünn­hilde – alles gute Bekannte....

Zu Unrecht vergessen

Rossini hat ihn, unwillentlich, sein ganzes Leben lang verfolgt und schließlich aus dem Gedächtnis der Nachwelt verdrängt. Heute ist Carlo Coccia (1782-1873) allenfalls noch eine Fußnote der Operngeschichte. Dabei war der aus Neapel stammende Schüler Giovanni Paisiellos eine Zeit lang außerordentlich erfolgreich. Seine 1815 in Venedig uraufgeführte «Clotilde» hielt...

Gefühlsstau in der Warteschleife

Bevor Daniel Barenboim ihn gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, in Bayreuth «Tristan und Isolde» zu inszenieren, verriet Heiner Müller vor zwölf Jahren in einem Gespräch mit dieser Zeitschrift (siehe OW 9/93), sei Patrice Chéreau für den Job vorgesehen gewesen. Der jedoch habe abgelehnt: «Tris­tan» könne man nicht inszenieren, das sei «ein Hörspiel». In der...