Verspielt

Berlin, Gounod: Faust

Im Musiktheater unserer Tage wird gern die kritische Philosophie als Stichwortgeber bemüht. Von Adorno bis zu Peter Sloterdijk und von Horkheimer bis zu Giorgio Agamben reicht die Palette der Vordenker, deren Analysen zum schlechten Stand der Welt die (im Programmheft mitgelieferte) Folie für manche Regiearbeit bilden, die eine radikale Neubefragung, wenn nicht eine Neuerfindung des alten Stückekanons anstrebt.

Im Fall der jüngsten Deutung von Charles Gounods «Faust»-Oper, die aus diesem zwischen Opéra comique, Grand Opéra und Drame lyrique changierenden «Werk des Übergangs» (Ulrich Schreiber) an der Berliner Staatsoper eine in grelles Kaltlicht getauchte Glücksspiel-Parabel herauslesen will, muss Walter Benjamin herhalten. Die Kultur des Kapitalismus ist ein in sich kreisender Kult um den Konsum, eine profane Religion, die den Menschen Vereinzelung und Verzweiflung beschert: Ein Abschnitt aus Benjamins berühmtem Trauerspiel-Buch von 1928 bildet den geistigen Faden, an dem sich Karsten Wiegand entlanghangelt, um die in Goethe-Land nach wie vor unter Kitsch-Verdacht stehende Gretchen-Soap aus der Zeit des Second Empire mit den Realitäten unserer finanzkrisengeschüttelten Gegenwart ...

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Opernwelt April 2009
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
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