Verschobene Perspektiven
Für das Booklet seiner neuen CD hat Philippe Jaroussky ein kontroverses Vorwort verfasst: Countertenöre, so argumentiert er darin, sängen meist Musik, die eigentlich für Kastraten verfasst worden sei. Deren Stimmen aber hätten ganz anders geklungen – weshalb sollten seine Fachkollegen und er selbst sich also nicht auch in anderes Repertoire vorwagen dürfen, zu dem sie sich persönlich hingezogen fühlten? Diese Suggestivfrage beantwortet der Franzose mit «Opium»: Ähnlich wie die ausgezeichnete CD mit baskischen Liedern des 19. und 20.
Jahrhunderts, die Carlos Mena vor einem Jahr veröffentlichte, ist auch Jarousskys Streifzug durch das französische Liedgut ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Countertenöre dem romantischen Repertoire einen eigenen künstlerischen Stempel aufdrücken können.
Das sängerknabenhafte Timbre von Jarousskys hohem Mezzosopran verschiebt die Erzählperspektive dieser Miniaturen: Nicht das persönliche Nacherleben der Gefühle steht im Vordergrund, sondern die poetische Reflexion des hellwachen Beobachters. Das funktioniert natürlich dann am besten, wenn die Stücke nicht auf Dramatik, sondern auf kontemplativen atmosphärischen Reiz zielen: In Liedern wie Reynaldo ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Drum und Dran sorgte einmal mehr für ebenso viel Gesprächsstoff wie die Aufführung selbst: Kaum war die Premiere von Glucks «Iphigénie en Aulide» mit Riccardo Muti am Pult über die Bühne gegangen, drohten die Gewerkschaften mit Streiks für die weitere Serie (ohne die Drohung letztlich wahr zu machen). Denn das Kulturministerium, das Italiens Opernhäusern...
Dieses Gesicht brennt sich ins Gedächtnis ein. Eine Frau ringend mit dem Tod. Vermutlich hat sie ein Stück Fleisch verschluckt. Exakt eingefangen ist der Moment, in dem ihr bewusst wird, dass sie sterben könnte. Ein Gesicht, das Schmerz, Unglauben, Verständnislosigkeit und Angst zugleich ausdrückt. Die riesige Figur, zu der es gehört, ist ein Werk der katalanischen...
«Celebrities» hieß eine Berliner Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die Andy Warhol und seinen Stars huldigte. Gleichzeitig analysierte man dort den «Kult des Künstlers», eines allmächtigen «Schöpfers», in dessen Seele Gespenster oder Teufel hausen können. «Reliquien vom Künstlergott haben zu wollen», so der Berliner Museumschef Peter-Klaus Schuster, «das treibt den...
