Verschmelzungsfantasien
Kristina Wuss, Berghaus- und Konwitschny-Schülerin, hat Oscar Wildes einstiges Skandaldrama gegen den Strich gelesen. Sie entziffert in Strauss’ Vertonung der Begegnung der morbiden Kindfrau mit dem asketischen Propheten zu Recht eine psychologische Introspektion. Bei ihr ist Salome keine wahnsinnige Mänade, sondern ein junges Mädchen, das in einer aus den Fugen geratenen Welt seinen Platz nicht findet. Oben feiern die Reichen, zu denen sie gehört, ein rauschendes Fest; unten müssen die Bewohner des besetzten Landes einen der Ihren bewachen, mit dem sie sympathisieren.
Die subtil geführte, sich aber nie in den Vordergrund drängende Statisterie bringt den Gegensatz zwischen der unterdrückten einheimischen Bevölkerung und der Kolonialmacht atmosphärisch überzeugend ins Spiel, ohne politisch plakativ zu werden.
Marcel Zabas zweigeteilte Bühne fasst diese Sicht räumlich wirkungsvoll zusammen: oben ein Laufsteg, der in den Palastvorraum führt; unten eine Vulkanlandschaft, die den Blick in die Stube der Einheimischen freigibt. Zwischen beiden Ebenen vermittelt am rechten Bühnenrand eine großes Wasserbassin. Am Horizont die Wüste mit dem das Stück begleitenden Mond. Wuss beherzigt ...
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