Verlust und Vergnügen
Händels Oratorium «Saul» hat seit jeher das Zeug zu bühnenwirksamem Musiktheater gehabt. Bei der Uraufführung im Londoner King’s Theatre 1739 konnte das Publikum neben dem Libretto von Charles Jennen auch szenische Anweisungen im Programmheft studieren.
In Glyndebourne entführt Barrie Koskys Inszenierung der alttestamentarischen Fabel um Missgunst und Neid in eine kontrastreiche Welt, die die Licht- und Schattenseiten des georgianischen London drastisch hervorkehrt, indem sie die Lustbarkeiten des Vergnügungsparks Vauxhall Gardens mit dem psychiatrischen Elend von «Bedlam» (dem berüchtigten Bethlem Royal Hospital) konfrontiert – und schonunglos öffentliche Schmach und Demütigung gleich neben der Volksbelustigung anrichtet.
Der Chor der Israeliten, von Ausstatterin Katrin Lea Tag in bunte, punkig-barocke Seidenkostüme gekleidet, erinnert in seinem flatterhaften Gebaren an den Höflingschor, den Kosky in seiner Frankfurter Inszenierung von «Dido und Aeneas» eingesetzt hatte; auch John Graham Hall als Hexe von Endor, ein Bartmann mit den verschrumpelten Brüsten einer alten Frau, lässt an die Bildsprache in Koskys Frankfurter Lesart der Purcell-Oper zurückdenken. Im Schulterschluss mit ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 82
von Anna Picard
Das Opernwelt-Jahrbuch
Wo steht das «Opernhaus des Jahres»? Wer ist «Sänger des Jahres», und wer siegt in der Kategorie «Dirigent»? Am 30. September erscheint unser Jahrbuch «Oper 2015». Es enthält die mit Spannung erwartete Kritikerumfrage samt Porträts und Interviews. Außerdem: Essays über zeitgenössisches Musiktheater in den USA, den Boom historisch-kritischer...
Sicher, Pesaro geht in Sachen Rossini weiter mit Riesenschritten voran. Aber «Rossini in Wildbad», das kleine Gegenstück im Nordschwarzwald, belegt ebenso unangefochten einen ehrenvollen zweiten Platz. Und als Raritätenschürfer betätigen sich beide Festivals. «L’inganno felice» («Der glückliche Betrug»; Venedig, 1812 – der Komponist war noch keine 20) stand 2005...
Alles fließt, alles strömt dahin. Die Geschichte, die Bilder, die Inszenierung. Tom Cairns hat nach rund einem Vierteljahrhundert im vergangenen Sommer die erste neue «Traviata» für das Glyndebourne Festival inszeniert (siehe OW 9/2014). Doch leider fehlt der Produktion jeder Fokus: auf Gesellschaftskritik, auf die Welt des Geldes und Scheins, auf die privaten...
