Vergesst uns nie!

Das Theater Lübeck präsentiert Mieczysław Weinbergs «Passagierin» – musikalisch bestechend konzis, szenisch voller Poesie

Opernwelt - Logo

Der Titel des achten (und vor dem Epilog) letzten Bildes aus Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin» verrät kaum, welch gewaltige Peripetie in ihm steckt und wie viel von der Idee eines Menschen in der Revolte. «Konzert» ist dieses Bild überschrieben, und ein ebensolches steht nun auch in jenem Raum des Badehauses im KZ Auschwitz an, der jedoch im Theater Lübeck kaum als solcher auszumachen ist. Das «Häftlingsorchester» sitzt hier nicht direkt vor den Augen der SS-Männer und Aufseher sowie der Häftlinge, die starr staunend am Rand harren.

(Fast) alles andere stimmt mit dem Original überein: Der namenlose Kommandant des Konzentrationslagers, für den eigens ein Stuhl reserviert wurde, wünscht sich seinen Lieblingswalzer, und als Tadeusz, Martas Verlobter, mit der Violine in der Hand die Szenerie betritt, rechnet wohl niemand damit, dass sich gleich etwas Einzigartiges zutragen wird. Ein Mensch bekundet seine Autonomie (so als wolle er jenen Satz des russisch-jüdischen Dichters Josip Brodsky beglaubigen, wonach ein freier Mensch einer sei, der nicht klage, wenn er eine Niederlage erleide), und er tut dies im Angesicht einer rücksichtslosen Vernichtungsmaschinerie, von der er weiß, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Ziemlich nah am Heute

Dunkel regiert. Wo leuchtet das Licht der Aufklärung, das Gebot der optimistischen Denkungsart, es werde schon gut werden, und sei es durch das Auftreten einer Diana ex machina – nämlich gerade dann, wenn das Ungeheuerliche wahr zu werden droht, die Opferung des geliebten Bruders durch seine Schwester? Es geschieht aber nichts. Der Gewaltherrscher wird mit einem...

Ecce Homo

Eine Menschenmenge. Immer mehr kommen aus den Seitengassen, junge Paare, Alte, Kinder, es hört einfach nicht auf. Normalerweise, oft im «Ring» ist das so, starren sie jetzt ins Publikum mit der stummen Frage: «Und ihr?» Doch wir sind nicht am Ende der «Götterdämmerung», sondern beim letzten Orchesteraufbauschen im «Rheingold». Und geschaut wird nach hinten, auf...

Dialog ist alles

Erinnern wir uns. Es war ein heißer Augusttag des Jahres 2018 in Salzburg, man konnte froh sein, dass im Haus für Mozart die Klimaanlage funktionierte. Ein bisschen mulmig konnte einem trotzdem zumute werden angesichts dessen, was sich auf der Bühne ereignete. Jan Lauwers hatte sich Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» vorgenommen und anscheinend den erklärten...