Verführer unter sich
Mein lieber Schwan! Eigentlich taucht das Federvieh in Wagners «Lohengrin» erst gegen Mitte des ersten Akts auf. In Roman Hovenbitzers Inszenierung für das finnische Opernfestival in Savonlinna hat es seinen ersten Auftritt schon vor der Ouvertüre. Ein kleiner Junge hantiert an einem Wasserbecken mit einem Spielzeugschwan, und als nach längerem stummen Spiel das Orchester einsetzt, kommt Elsa herbei und löst den Jungen ab. Einen Spielzeugritter hat sie dabei, damit das Publikum über ihre Wünsche nicht im Unklaren bleibt.
Ihre Widersacherin Ortrud gönnt sich derweil eine Zigarette, ganz Femme fatale.
Als der Schwan an der vom Komponisten vorgesehenen Stelle erscheint, ist von Lohengrin weit und breit nichts zu sehen. Vier Soldaten in Kampfuniform tragen einen Zwei-Meter-Vogel, auf dem zur Verdeutlichung «Schwan» geschrieben steht, auf die Bühne, wo er den ganzen Abend über stehen wird. Einige Zeit darauf tritt auch Lohengrin (Richard Crawley) auf, mit dem es der Regisseur gar nicht gut meint. Statt eines strahlenden Helden muss er den manipulativen Volksverführer mimen, der zunächst mit der Gestik eines Hanussen alle Anwesenden zu hypnotisieren trachtet und dann bedingungslose ...
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Opernwelt September/Oktober 2011
Rubrik: Panorama, Seite 70
von Harald Steiner
Was für ein verrückter Festspielssommer. Übergänge prägen ihn – und Diffusitäten. Europas drei wichtigste Opernfestivals liegen diesbezüglich vorne. Anfang und Innovation sind überall gewollt. Doch die Selbstverortung ist schwieriger denn je. Können Festspiele überhaupt noch Perspektiven öffnen? Oft in diesem Sommer dachte man: Alles läuft. Aber nichts geht.
Stichwo...
Nein, nicht auf die Autobahn. Wir entscheiden uns wieder für die Bundesstraße, gondeln lieber wieder mit 60 durch den Schwarzwald, der einen auf die Unaufgeregtheit, die Beschaulichkeit von «Rossini in Wildbad» einstimmt. Dort ist alles beim Alten. Rauschte nicht die Enz mitten durch Park und Ort, herrschte am helllichten Mittag fast schon gespenstische...
Nicht einmal Verehrer wussten davon, als Julia Varady sich von der Bühne zurückzog – mit einer völlig intakten Stimme. Ende 2003 war das. Im Jahr zuvor hatte sie «Edgar» aufgenommen und konnte als Fidelia klingen wie das junge Mädchen, das sich Puccini vorgestellt hat (siehe OW 9-10/2003). Vierzig Jahre öffentlichen Singens lagen da hinter ihr. Man hört es nicht....
