Verdi: Don Carlo
Die Welt steht Kopf. Der Escorial eine leere Betonruine mit Fenstern wie hohle Augenlöcher, in der Ecke das gesichtslose Tizian-Porträt Kaiser Karls V. Einmal öffnet sich die Rückwand für eine unheimliche Flussaue, und auch nach der Pause ist die Bühne nur scheinbar im Lot. Wo in der Mitte bewegliche gläserne Hänger ein Zentrum markierten, ist nun ein Guckkasten gemauert. Die Menschen zwischen diesen Wänden aber werden zunehmend physisch und psychisch zerrüttet, zerrieben von der Macht des Klerus und von zementierten Konventionen, aber auch vom unstillbaren Verlangen nach Liebe.
Reto Nickler vermeidet in seiner Inszenierung jedes spanische Lokalkolorit und – im Autodafé etwa – auch jeden Realismus. Er macht die Liebe zwischen Elisabetta und Carlo mit viel Fingerspitzengefühl zum Mittelpunkt, stößt aber leider manchmal an die begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten seiner Sänger.
Michael Dries als König Philipp bleibt trotz großer, tragender Stimme darstellerisch blass; Gérard Kim verkörpert als Marquis Posa mit balsamischem, fast verführerischem Bariton gleichwohl einen nüchternen Idealisten; und José Luis Ordóñez Saenz überzeugt als Carlos mit tenoralem Schmelz, irritiert jedoch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Orchester als Dialogpartner. Es wird zum wahrhaft verschmitzten Diskutanten. Schüttet Spott und Ironie über den Saiten aus, Schalk stiebt aus Flöten und Blech. Verdis «Falstaff» kann für ein Orchester im besten Fall zur schmucken Visitenkarte geraten, aber auch, im schlimmsten Fall, zum kollektiven Offenbarungseid. Das London Symphony Orchestra hat sich im...
Seit 2002 hat auch das Münchner Label Arts Music seine Archiv-Reihe, in der unveröffentlichte Schätze aus Rundfunkarchiven und zu Unrecht Vergessenes aus den Katalogen verschollener Firmen im Mid-Price-Segment zugänglich gemacht werden. Verwendet werden grundsätzlich nur Originalbänder. Nach 24Bit-Digitalisierung ergeben sie ein erstaunlich klares, transparentes...
Das für 106 Millionen Pfund (zirka 150 Millionen Euro) errichtete «Wales Millenium Centre», ein neues internationales Theaterzentrum, öffnete Ende November 2004 in Cardiff seine Pforten. Die Bezeichnung «Opernhaus» wurde vermieden – einerseits, weil man sich breitere öffentliche Akzeptanz erhofft, und zum anderen, weil man jede Erinnerung an das fehlgeschlagene...
