Väter und Söhne
Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive, sie sind extrem flexibel und regen dazu an, genauer hinzuhören. Fast jede Arie wird im Zusammenspiel mit ausgefeilter Dynamik zu einem Charakterstück.
Kostbare Höhepunkte werden durch agogische Rückungen ausgekostet, Nebenstimmen zum «Sprechen» gebracht. Zudem verfolgt Minasi die Strategie, Rhythmus und Dynamik (!) französisch zu punktieren, was den Rezitativen ein enorm lebendiges, rhetorisch «überreden» wollendes, flüssiges Pathos verleiht, den Arien einen aparten Swing und in den gebundenen Tönen eine atmend-irreguläre Oberfläche. Auch die exuberanten Variationen und Verzierungen bei Sängern wie beim vokal phrasierenden Orchester (!), das nicht nur begleitet, sondern «mitredet», sind ungewöhnlich erdacht, reich und fantasievoll, ohne je übers Ziel hinauszuschießen. Mit alldem schert Minasi aus der Händel-Routine aus ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann
Er war ein glücklicher Sisyphos. Einer, der sich nie entmutigen ließ. Selbst von der tödlichen Krankheit nicht, die ihn befallen hatte. Gerard Mortier ahnte, dass er den 31. Mai womöglich nicht mehr erleben würde. Den Tag, an dem wir ihm in Graz den ersten «Mortier Award» überreichen wollten: eine von Alexander Polzin geschaffene «Sisyphos»-Figur. Aber natürlich...
Rezensieren kann man dieses Buch eigentlich nicht. Es wird von seinem Autor als «Arbeitsbuch», an anderer Stelle als «subjektiv verfasstes Übungsbuch» bezeichnet. Beides trifft zu. Das heißt: Sängerinnen und Sänger sollten dieses Buch nehmen und die darin vorgeschlagenen Übungen ausprobieren – in der Gruppe oder im stillen Kämmerlein. Dann wird man den Wert der...
Alles auf Anfang. Es ist, als werde in Zürich die Erfindung der Oper anhand eines der frühesten Exemplare des Genres nachgestellt. Stockdunkel das Haus. Aus der Düsternis heraus beginnt eine der drei Chitarronen, die zuvor riesenhaft aus dem Graben auf die Bühne ragten, zu fantasieren. La Scintilla, diesmal nur 16 Köpfe stark, tastet sich – immer noch kein Licht –...
