Unter dem Brennglas
Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Höher, schneller, weiter – das ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken galt bislang als gesellschaftskritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten können, während und nach der Krise.
Um genau zu sein: nach der Corona-Krise, denn eine komplexe globale Krise war auch vor der Pandemie schon da: die Klimakrise, die Krise der wachsenden Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, Flucht- und Migrationsbewegungen, die Krise der wachsenden sozialen Gräben in Europa, Rechtsruck. Das Credo Christoph Schlingensiefs, die Krise als Chance zu begreifen, drängt sich auf: Nachhaltigkeit und Entschleunigung könnten als Handlungsanweisungen für einen neuen Umgang mit der globalen Krise dienen. Denn Covid-19 hat die Krisensymptome und zu lang geduldeten Missstände wie unter einem Brennglas sichtbarer gemacht.
Künstler*innen sind unentbehrliche Akteur*innen in globalen Krisen. Eben deshalb erlebt politische Kunst seit vielen Jahren ein Revival, oft mit Formen, die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 46
von Amelie Deuflhard
Ich bin nicht souverän. Kann es nicht sein, obwohl die Freiräume wieder größer werden. Die Zeit arbeitet für uns, denkt man, beruhigt man sich. Ja, wir werden wieder Theater spielen. Der Spuk wird ein Ende haben. Aber souverän? NEIN. Ich schaffe das nicht, denn ich muss zugeben, dass ich verstörende Tendenzen in meiner Psyche entdecken musste, auf die ich nicht...
Gänzlich unvorbereitet traf uns Corona, und Einschränkungen von zuvor nicht vorstellbarem Ausmaß prägten den weiteren Verlauf der Spielzeit. Krisen dieser Art kannten wir natürlich – aus Fernsehberichten, denn Pandemien treffen ja grundsätzlich andere Regionen. Politik und Wissenschaft entwickelten Szenarien für das Gesundheitswesen, für Schulen und Kitas, den...
Michail Glinka war also Antisemit. Und deshalb darf die Berliner U-Bahn-Station «Mohrenstraße» nicht nach der Straße umbenannt werden, in der das Haus liegt, in dem der russische Komponist 1857 starb.
Mit Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus in der Operngeschichte ist es freilich eine vertrackte Sache. In Berlin hält die U-Bahn auch am «Richard-Wagner-Platz»....
