Unter dem Brennglas
Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Höher, schneller, weiter – das ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken galt bislang als gesellschaftskritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten können, während und nach der Krise.
Um genau zu sein: nach der Corona-Krise, denn eine komplexe globale Krise war auch vor der Pandemie schon da: die Klimakrise, die Krise der wachsenden Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, Flucht- und Migrationsbewegungen, die Krise der wachsenden sozialen Gräben in Europa, Rechtsruck. Das Credo Christoph Schlingensiefs, die Krise als Chance zu begreifen, drängt sich auf: Nachhaltigkeit und Entschleunigung könnten als Handlungsanweisungen für einen neuen Umgang mit der globalen Krise dienen. Denn Covid-19 hat die Krisensymptome und zu lang geduldeten Missstände wie unter einem Brennglas sichtbarer gemacht.
Künstler*innen sind unentbehrliche Akteur*innen in globalen Krisen. Eben deshalb erlebt politische Kunst seit vielen Jahren ein Revival, oft mit Formen, die ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 46
von Amelie Deuflhard
Zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens in diesem Jahr hatte man sich in seiner Geburtsstadt Bonn ein besonderes Präsent ausgedacht: Das Beethoven Orchester wollte Ende April unter seinem Chefdirigenten Dirk Kaftan die «10. Sinfonie» des Meisters zur Uraufführung bringen, von der es lediglich einige Kompositionsskizzen gibt. Die Idee des Projekts ist, das...
Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische...
Die Oper hat Felix Mendelssohn Bartholdy ein Leben lang beschäftigt. Schon als Kind entwarf er Szenen, die Fragment blieben, aber einen erstaunlich sicheren Umgang mit Stilspezifika des Musiktheaters zeigen. Der Plan einer Lorelei-Oper mit Emanuel Geibel war fortgeschritten und reichte bis in die letzte Lebensmonate. Das Ziel einer großen deutschen Oper hat...
