Foto: Ruth Walz
Unter Beschuss
Der Boden schwankt. Da entgleitet etwas. Bereits im ersten Takt von Alban Bergs «Wozzeck» enthüllt die Partitur das Innerste dieser Oper: Zwei Akkorde in den Streichern, durch ein Glissando verbunden, bringen Form und Inhalt auf den Punkt. «Er macht mir ganz schwindlich», grantelt der Hauptmann wenig später zu Wozzeck, und genau diesen schwindelerregenden Wahn suggeriert die Musik von Anfang an; er wird konstituierend für das gesamte Stück. Und schwindelig könnte auch dem Publikum im Salzburger Haus für Mozart werden, das sich William Kentridges Bilduniversum aussetzt.
Denn der visionäre Schwarzmaler und Multimedia-Magier aus Südafrika beschießt die beengte Simultan-Bühne mit Collagen, Animationen, Filmen, Installationen, den Fratzen des Kriegs und den Angstbildern der Hilflosen. Gasmasken, Ruinen. Suchscheinwerfer durchschneiden die Nacht, ein Luftschiff schwebt drohend über den Köpfen, ein Kampfflugzeug bohrt sich in den Boden einer zerstörten Landschaft. Kentridge rekurriert vor allem auf jene animierten Kohlezeichnungen, die – in sisyphushafter Arbeit geschaffen – zu seiner Trademark wurden. Die Musik des «Wozzeck» fordere das Körnige, die Unklarheit, die Verschwommenheit der ...
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Opernwelt September/Oktober 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 9
von Gerhard Persché
Zu den Uraltklischees über Neue Musik gehört die Behauptung, sie sei hässlich, kalt, rein konstruiert: bloße Gehirnkunst, von Gehirnmenschen, nur etwas für seelenlose Wesen. Nun gehören zu bedeutender Kunst auch hohe Bewusstheit, Konzept, Kalkül, Präzision von Plan und Ausführung; und zum Kulturbetrieb Institutionen, Organisation und Management. Naturwüchsig...
23. Juli
Ankunft in Bayreuth bei strömendem Regen. Der Grüne Hügel aufgeräumt und autofrei. Hinter dem Festspielhaus Ü-Wagen dicht an dicht, die Eröffnungspremiere am übernächsten Tag wird live übertragen: Die zuletzt ein wenig matt gewordene Marke Bayreuth soll wieder an Glanz gewinnen. Zunächst, so scheint es, vor allem durch Qualität. Damit sie hörbar wird, hat...
Drei Mozart-Opern hat der Verein «Zuflucht Kultur» seit 2014 auf die Bühne gebracht. Mit Profis aus Deutschland – und Flüchtlingen aus Syrien, Nigeria, Afghanistan sowie vier weiteren Ländern. «Bei uns», sagt die Sängerin Cornelia Lanz, «wird Mozarts Musik von Monologen und internationalen Klängen unterbrochen. Wir bauen arabische Melismen ein oder ein afghanisches...
