«Und Kunst geknebelt von der groben Macht»

Vor 50 Jahren starb DMITRI SCHOSTAKOWITSCH. Eine glanzvolle Edition mit Andris Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra erinnert uns noch einmal daran, wie zeitlos-aktuell die Musik des «naiven Ritters» ist. Eine Würdigung

Opernwelt - Logo

Für Jewgenij Mrawinski, den ruhmreichen russischen Dirigenten, der seine Symphonien auswendig im Kopf hatte, war er ein «naiver Ritter mit der edlen Seele». Ein Mensch, der vom allgemeinen Glück träumte, Gewalt in jeder ihrer Formen abgrundtief hasste und bereit war, alles dafür zu opfern, um das soziale Übel auszurotten. Ein Idealist also, der in seiner Kunst aber keineswegs davor zurückschreckte, das Schreckliche in die entsprechenden Klänge zu kleiden.

«Schostakowitschs Größe», so Mrawinski im Mai 1966, «wird für mich vor allem durch die Bedeutsamkeit jener gesellschaftlichen und ethischen Idee bestimmt, die sein gesamtes Schaffen durchzieht: ‹Ich möchte nicht, dass es jemandem schlecht geht› – davon spricht er in seiner Musik.» Vor 50 Jahren starb Dmitri Schostakowitsch, ausgezehrt, gezeichnet, desillusioniert. Sein Leben war eine einzige Achterbahnfahrt gewesen, was wenig verwundert, wenn man weiß, in welchen (sozio- und kultur-)politischen Konstellationen er sich zurechtfinden musste. Geboren im Zarenreich, ein Jahr nach den Unruhen und Aufständen rund um den Petersburger Blutsonntag, sah sich das Wunderkind seit der Oktoberrevolution 1917 mit einer Realität konfrontiert, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2025
Rubrik: Essay, Seite 70
von Jan Verheyen

Weitere Beiträge
Apokalypse now

SRNKA: VOICE KILLER Musiktheater an der Wien
Edward J. Leonski war nicht zwingend das, was man einen schlechten Menschen nennt. Er hatte sich und seine Emotionen nur nicht im Griff. Während des Zweiten Weltkriegs war der Sohn russisch-polnischer Einwanderer, wie Tausende weitere junge US-amerikanische Soldaten, als GI in Melbourne stationiert, und sie alle...

Armenien, mon amour

Bern bebt. Bern brüllt. Bern brummt. Je nachdem, wo man sich an diesem heißen Frühsommertag aufhält (es ist zugleich der längste des Jahres), begegnet man den unterschiedlichsten Formen von Klang oder Geräusch. Rund um den Bundesplatz im Zentrum zieht eine sichtlich aufgebrachte, aber friedliche Menge von rund 10.000 Menschen mit Mikrophonen, Transparenten und...

Teufel, was für ein Lehrer!

Es gibt das Phänomen des mittelmäßigen Fußballers, der später ein überragender Trainer wird. Da darf man bestimmt Jürgen Klopp nennen, Thomas Tuchel und aus der jüngeren Generation Sebastian Hoeneß. Jorma Panula, der am 10. August seinen 95. Geburtstag feiert, hat als aktiver Dirigent nicht allzu viele bleibende Spuren hinterlassen (auch wenn es in den...