Das Fernsehen ist schuld
Husten. Babygeschrei. Pingpong. Die Sound-Kulisse des wirklichen Lebens. Der Realismus des Regisseurs Kirill Serebrennikow findet auch akustisch statt, noch bevor das Concertgebouworkest unter Vasily Petrenko seinen Klangluxus entfalten kann. Serebrennikow, der, wie üblich, sein eigener Bühnenbildner ist, hat die enorme Bühnenbreite der Amsterdamer Oper mit einer imposanten offenen Plattenbaustruktur aus -gefüllt: drei Stock hoch und durchdrungen vom Schäbigkeitscharme jener Massenunterbringungen, die Heiner Müller einst als «Fickzellen mit Fernheizung» bezeichnete.
Hier wohnt also das Volk; normale Leute, durchaus mit Liebe zum Detail differenziert, und doch Masse. Davor triste Metallgestänge, für Kinder. «Spielplatz» möchte man das nicht nennen – rechts gibt es eine Rakete zum Klettern. Russische Provinz, irgendwo, heute. Was mit dem russischen Volk los sei, mit den normalen Leuten im Riesenreich, diese Frage beschäftigte schon den großen Alexander Puschkin. Er zeigte das Volk in seinem «Godunow»-Drama als eine schon im 16. Jahrhundert träge, desillusionierte Menge, kaum interessiert am großen Ganzen. Es braucht ja gleich einen Einpeitscher, der sie zu Boden zwingt, damit sie ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Holger Noltze
Der Rhein ist in Grußweite. Ein paar hundert Meter weiter fließt die Mosel. Dazwischen das überdimensionierte Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck. Bei so viel malerischer Pracht geht das Theater Koblenz zwischen den herrschaftlichen Bauten irgendwie unter, eingepfercht zwischen prächtigen Fassaden – und erst recht, wenn das Gebäude, so wie jetzt, von mehreren...
JUBILARE
Am 25. August feiert José van Dam seinen 85. Geburtstag. Der belgische Bass-Bariton zählt zu den prägenden Männerstimmen des 20. Jahrhunderts. Sein Golaud in Debussys «Pelléas et Mélisande», der Hans Sachs (er nahm die «Meistersinger» mit Georg Solti auf) sowie prägnante Interpretationen mehrerer Mozart-Rollen sind beispielhaft. Für seinen Kollegen...
Den Begriff kennen wir aus der Philosophie des 17. Jahrhunderts. Anno 1649 verfasste René Descartes seinen legendären Tractatus logicus «Les Passions de l’âme» (Die Leidenschaften der Seele) und legte damit ein Traktat vor, das, wiewohl nur subkutan, erhebliche Wirkung vor allem auf jene Kunstform ausübte, die sich a priori glänzend eignete für diesen prekären...
