Das Fernsehen ist schuld

Was ist nur los mit dem russischen Volk? Kirill Serebrennikow inszeniert Mussorgskis «Boris Godunow» in Amsterdam plastisch, aber auch plakativ. Die Dinge sind wohl komplizierter, als sie der Regisseur darstellt

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Husten. Babygeschrei. Pingpong. Die Sound-Kulisse des wirklichen Lebens. Der Realismus des Regisseurs Kirill Serebrennikow findet auch akustisch statt, noch bevor das Concertgebouworkest unter Vasily Petrenko seinen Klangluxus entfalten kann. Serebrennikow, der, wie üblich, sein eigener Bühnenbildner ist, hat die enorme Bühnenbreite der Amsterdamer Oper mit einer imposanten offenen Plattenbaustruktur aus -gefüllt: drei Stock hoch und durchdrungen vom Schäbigkeitscharme jener Massenunterbringungen, die Heiner Müller einst als «Fickzellen mit Fernheizung» bezeichnete.

Hier wohnt also das Volk; normale Leute, durchaus mit Liebe zum Detail differenziert, und doch Masse. Davor triste Metallgestänge, für Kinder. «Spielplatz» möchte man das nicht nennen – rechts gibt es eine Rakete zum Klettern. Russische Provinz, irgendwo, heute. Was mit dem russischen Volk los sei, mit den normalen Leuten im Riesenreich, diese Frage beschäftigte schon den großen Alexander Puschkin. Er zeigte das Volk in seinem «Godunow»-Drama als eine schon im 16. Jahrhundert träge, desillusionierte Menge, kaum interessiert am großen Ganzen. Es braucht ja gleich einen Einpeitscher, der sie zu Boden zwingt, damit sie ...

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Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Holger Noltze

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