Das Fernsehen ist schuld
Husten. Babygeschrei. Pingpong. Die Sound-Kulisse des wirklichen Lebens. Der Realismus des Regisseurs Kirill Serebrennikow findet auch akustisch statt, noch bevor das Concertgebouworkest unter Vasily Petrenko seinen Klangluxus entfalten kann. Serebrennikow, der, wie üblich, sein eigener Bühnenbildner ist, hat die enorme Bühnenbreite der Amsterdamer Oper mit einer imposanten offenen Plattenbaustruktur aus -gefüllt: drei Stock hoch und durchdrungen vom Schäbigkeitscharme jener Massenunterbringungen, die Heiner Müller einst als «Fickzellen mit Fernheizung» bezeichnete.
Hier wohnt also das Volk; normale Leute, durchaus mit Liebe zum Detail differenziert, und doch Masse. Davor triste Metallgestänge, für Kinder. «Spielplatz» möchte man das nicht nennen – rechts gibt es eine Rakete zum Klettern. Russische Provinz, irgendwo, heute. Was mit dem russischen Volk los sei, mit den normalen Leuten im Riesenreich, diese Frage beschäftigte schon den großen Alexander Puschkin. Er zeigte das Volk in seinem «Godunow»-Drama als eine schon im 16. Jahrhundert träge, desillusionierte Menge, kaum interessiert am großen Ganzen. Es braucht ja gleich einen Einpeitscher, der sie zu Boden zwingt, damit sie ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Holger Noltze
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In London schien am 17. Juni die Sonne, doch über Großbritanniens Kapitale bildeten sich an diesem Tag dunkle Wolken: Alfred Brendel war gestorben. Mit ihm verliert die Musikwelt nicht nur einen großen Musiker und Essayisten; zugleich bedeutet Brendels Tod die Schließung jenes geheimnisumwitterten Generalsekretariats für Genauigkeit und Seele, dessen...
GARSINGTON FESTIVAL L’elisir d’amore, Pique Dame, Rodelinda
Manche betrachten es als liebenswerte Marotte, andere halten den Brauch, sich am Nachmittag für den Besuch der beinahe wie Pilze aus dem Boden schießenden Landhausopern der britischen Sommersaison in Schale zu werfen, für einen absurden Anachronismus – noch dazu, wenn man für das Picknick in der langen...
