Überwölbt von Empfindung
Wenn René Jacobs Oper dirigiert, ist die Überraschung nicht weit. Carl Maria von Webers «Freischütz» präsentierte er mit einem Prolog, den der Librettist Friedrich Kind zunächst vorgesehen hatte, den Weber aber verwarf; bei Georges Bizets «Carmen» wiederum entfiel die berühmte «Habanera», womit Jacobs – angeregt durch die neue Bärenreiter-Ausgabe – der Tatsache Rechnung trug, dass die Arie erst später von Bizet eingefügt wurde, nachdem die Darstellerin der Carmen einen attraktiveren Bühneneinstieg gefordert hatte.
Im Fall von Beethovens «Fidelio» griff Jacobs auf die erste Fassung zurück und nahm mit dem Freiburger Barockorchester zum Beethoven-Jahr 2020 eine «Leonore» auf. Eine krampfhafte Suche nach Neuem, ein panisches Bedürfnis, auf einem übersättigten Plattenmarkt für Überraschungen zu sorgen, sollte man hinter diesen ungewöhnlichen Aufnahmen nicht vermuten. Eher schon das unbedingte Bedürfnis des belgischen Dirigenten, Sängers und Musikwissenschaftlers, zum Anfang der Dinge vorzudringen. Hinter René Jacobs’ Faszination für Urfassungen liegt vermutlich die gleiche Motivation wie für sein Interesse für die historische Aufführungspraxis überhaupt: Schichten von Gewohnheit, ...
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Opernwelt September/Oktober 2026
Rubrik: Magazin, Seite 98
von Clemens Haustein
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