Überambitioniert
An Carl Maria von Webers «Freischütz» hat sich schon so manche Regie-Koryphäe die Zähne ausgebissen. Ist es schon schwierig genug, die düster-romantisch rumorende Geschichte an sich plausibel zu erzählen, liegt die größere Herausforderung darin, sie in eine heutige Gültigkeit zu übertragen, zumal sich auch Webers Partitur mit ihren Ambivalenzen einer stringenten Erzählhaltung zu widersetzen scheint.
Nun hat sich der vielbeschäftigte Ersan Mondtag in Kassel an das zur deutschen «Nationaloper» hochstilisierte Werk gewagt – und erneut jene Bilderfluten entfesselt, die inzwischen sein Markenzeichen sind.
Sein Dramaturg Till Briegleb rüstet die gesprochenen Textpassagen von Johann Friedrich Kind – die ja tatsächlich eines der Probleme des «Freischütz» sind – gewaltig auf, unter anderem mit Zitaten von Grimmelshausen, Adorno und Lautréamont. Aufreizend didaktisch vorgetragen werden sie von Samiel (sehr präsent: Schauspieler Jonathan Stolze). Dieser tritt als weiß gewandeter Nervenarzt auf, der den traumatisierten, sich unablässig in Krämpfen windenden Ex-Soldaten Max mit zweifelhaften Drogen sediert und das Geschehen immer wieder mit seinen Einlassungen unterbricht. Als einen Fall von ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Regine Müller
Die Hörner besingen die Magie des Waldes. Langsam fährt die Kamera im Video von Philipp Contag-Lada während des Vorspiels den Bergwald hinunter, und schon stehen die Bäume in Flammen. Der Wald brennt. Weiter unten sieht man verkohlte Stämme, unter denen Hänsel und Gretel in einer notdürftigen Unterkunft mit den Eltern hausen. Regisseur Axel Ranisch macht von Anfang...
Es gibt viele Lieder, «die heute vergessen und abgetan sind», schreibt Thomas Mann 1930 in den Erinnerungen an seine Mutter und bricht eine Lanze für Eduard Lassen, «einen Musiker etwas süßlichen Geschmacks …, der es aber ein paarmal in Verbindung mit Heinrich Heine zu einer sensitiven Ironie des Ausdrucks bringt, die mir unvergesslich ist». Am Ende des 19....
Wie haben wir ihn nicht geschmäht: als Traditionalisten, als Katholiken, gar als Boulevardisten. Das war zu Zeiten, da Darmstadt noch den Vatikan der Neuen Musik beherbergte. Sie sind längst vorbei. Heute blickt man entspannter auf die Musik von Francis Poulenc, zum Beispiel auf die «Dialogues des Carmélites», Poulencs religiöse Oper von 1956 – zumal wenn sie so...
