Über den Wolken
Der Auftrag kam von höchster Stelle. Kein Geringerer als Louis XIV persönlich wünschte sich von seinem surintendant de la musique du Roy für die Karnevalsfeierlichkeiten des Jahres 1675, zu denen er europäische Politprominenz an den Königshof im Schloss Saint-Germain-en-Laye einzuladen gedachte, ein dem Anlass würdiges Bühnenwerk. Und Jean-Baptiste Lully, wissend, dass man sich dem herrschaftlichen Willen selbstredend zu beugen hatte (dafür aber mit üppiger finanzieller Unterstützung sowie höchstem Lob rechnen konnte), zögerte keine Sekunde lang.
Er besprach sich mit seinem angestammten Librettisten Philippe Quinault und zauberte wenig später die Tragédie en musique «Thésée» aus dem Komponistenhut, das dritte Werk dieser vom Sonnenkönig geliebten, ja fast vergötterten Gattung nach «Cadmus et Hermione» und «Alceste».
Erzählt wird darin eine verzwickte Liebesgeschichte, die im Prolog zunächst auf die aktuelle politische Situation rekurriert (seit 1672 ist Frankreich in den Holländischen Krieg verstrickt) und in den folgenden fünf Akten Anleihen beim Theseus-Mythos nimmt, diesen aber nach zeitgenössischem Gusto modelliert und sich überdies von Ovids «Metamorphosen» sowie der ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 24
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Mariettas Kleid in sonnig strahlendem Orange (bunte, auch romantisch blaue Blumen sind darauf gedruckt) erzählt ausdrücklich von der hellen Seite des Lebens. Und doch gleicht es aufs Haar dem Gewand einer Toten: ihrer «Vorgängerin», Pauls verstorbener Frau Marie, die (in Gestalt der jungen Tänzerin Natalie Kien) in jenem betongrau gruftig-düsteren Verlies haust,...
Nono klagt an, und seine Sprache ist Feuer.» Das schreibt 1963 der Komponist Karl Amadeus Hartmann über den 39 Jahre alten, künstlerisch und auch persönlich sperrigen Venezianer Luigi Nono. Im konservativen Westdeutschland der Adenauerzeit eckt der bekennende Kommunist Nono mit seiner künstlerischen Aufarbeitung der faschistischen Gewaltherrschaft und seinem...
