Kulturverdächtig

Donizetti: Lucia di Lammermoor am Staatstheater Nürnberg

Opernwelt - Logo

Zwei Fragen: Darf man das? Und die weit entscheidendere: Geht es auf? Ein paar Operationen en miniature sind dafür notwendig, die Eliminierung weiblicher Wortformen, vor allem die einer ganzen Figur. Arturo, Pflichtgatte von Lucia di Lammermoor und ohnehin kaum mehr als tenoraler Stichwortgeber, heißt jetzt Emilia und wird gesungen von der Mezzosopranistin Sara Šetar. Die Hauptperson bleibt, wurde jedoch verwandelt. Tragischer Held am Staatstheater Nürnberg ist nun Luca, ein homosexueller Twen, den Familie und Freunde zur Hetero-Hochzeit zwingen wollen.

Doch der hängt lieber mit queeren Freunden im Jugendzimmer ab und leistet sich mit Edgardo einen gleichaltrigen Lover.

Regisseurin Ilaria Lanzino hat Donizettis Oper, das ist das kleine große Wunder dieser Produktion, auf links gekrempelt, aber in keinem Takt verraten. Die Kraftfelder und Konstellationen zwischen verbotener Liebe und borniertem Umfeld, zwischen Neigung und Pflicht bleiben nicht nur vollumfänglich erhalten: Es ist verblüffend und schlüssig, wie hier, fernab von jeder billigen Christopher-Street-Day-Kopie oder bemühter Gender-Debatten, der Belcanto ins Heute geholt wird. Schon in der Entstehungszeit begriff man ja ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Der dritte Weg

Vollendet das ewige Werk» – so verkündet es Wotan zu Beginn der zweiten Szene von «Rheingold», dem Vorspiel zu Richard Wagners «Ring des Nibelungen». Geschätzte fünfzehn Stunden später, am Ende der «Götterdämmerung», liegt alles in Schutt und Asche. Da sitzt er nun wieder träumend in seinem Sessel, den Schlapphut auf dem Kopf, den (noch oder wieder) heilen Speer in...

Licht aus

Gleich drei Mal reiste Igor Strawinsky von Los Angeles nach Baden-Baden, um im Hans-Rosbaud-Studio seine Werke einzustudieren und aufzunehmen. Auch Paul Hindemith, Luigi Nono, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen waren mehrfach zu Gast, der junge Pierre Boulez startete hier seine Karriere als Dirigent. Das 1950 in nur sechs Monaten für seinerzeit 500 000...

Endlich frei

Mariettas Kleid in sonnig strahlendem Orange (bunte, auch romantisch blaue Blumen sind darauf gedruckt) erzählt ausdrücklich von der hellen Seite des Lebens. Und doch gleicht es aufs Haar dem Gewand einer Toten: ihrer «Vorgängerin», Pauls verstorbener Frau Marie, die (in Gestalt der jungen Tänzerin Natalie Kien) in jenem betongrau gruftig-düsteren Verlies haust,...