Schein, Sein und das Nichts
Das also ist des Pudels Kern! Kein kapriziöser Kobold, kein Sartyr und auch kein Zauberer – ein General im sandfarbenen Militäranzug tritt vor den Gelehrten Faust hin, haust gar im gleichen Haus, eine Etage tiefer (Ausstattung: Camilla Bjørnvad), im düsteren Satanszimmer. Während der (vermeintliche) Titelheld noch chemische Formeln an jene Tafel schreibt, die auch im weiteren Verlauf des Abends die Stichworte liefern wird, hockt Méphistophélès im Schatten und brütet vor sich hin.
Weil aber jeder General auch seinen Adjutanten braucht und Frauen im Regiment ohnehin dazugehören, hat Regisseur Kasper Wilton dem Teufel am Theater Lübeck eine Gehilfin zur Seite gestellt (Samantha Höfer), die all jene Dienste verrichtet, die der Magier nicht willens ist selbst zu übernehmen; vor allem als Marguerite Spiegelbild macht sie sich sehr gut.
Ein starkes, wandlungsfähiges Team sind die beiden ohnehin, er meist maliziös und dabei märchenonkelhaft grinsend, sie dienstbar, geschmeidig, wendig. Allerdings hat das düstere Gespann hier auffallend leichtes Spiel, denn die Individuen und ebenso die versammelte Soldateska zeichnen sich vor allem durch eines aus: durch Verführbarkeit. Der wilden Horde ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Jürgen Otten
Alte und neue Musik begegnen sich im Konzertsaal selten. Zu verschieden sind die interpretatorischen, gar instrumentalen Voraussetzungen, die einem solchen Brückenschlag im Weg stehen. Umso spannender, wenn es doch geschieht, wie jetzt auf zwei CD-Neuerscheinungen, die extremer, kontroverser nicht sein könnten. Beide Male sind es «Überzeugungstäter», die den Spagat...
Über Wolfgang Rihm zu schreiben – das haben die meisten der Publikationen, die sich darin versuchten, eindrücklich bewiesen –, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Einmal des gewaltigen Œuvres wegen, das einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart vorgelegt hat (rund 600 Werke umfasst die Liste), aber mehr noch, weil sich Rihm selbst in seinen Schriften...
Der Auftrag kam von höchster Stelle. Kein Geringerer als Louis XIV persönlich wünschte sich von seinem surintendant de la musique du Roy für die Karnevalsfeierlichkeiten des Jahres 1675, zu denen er europäische Politprominenz an den Königshof im Schloss Saint-Germain-en-Laye einzuladen gedachte, ein dem Anlass würdiges Bühnenwerk. Und Jean-Baptiste Lully, wissend,...
