Schein, Sein und das Nichts
Das also ist des Pudels Kern! Kein kapriziöser Kobold, kein Sartyr und auch kein Zauberer – ein General im sandfarbenen Militäranzug tritt vor den Gelehrten Faust hin, haust gar im gleichen Haus, eine Etage tiefer (Ausstattung: Camilla Bjørnvad), im düsteren Satanszimmer. Während der (vermeintliche) Titelheld noch chemische Formeln an jene Tafel schreibt, die auch im weiteren Verlauf des Abends die Stichworte liefern wird, hockt Méphistophélès im Schatten und brütet vor sich hin.
Weil aber jeder General auch seinen Adjutanten braucht und Frauen im Regiment ohnehin dazugehören, hat Regisseur Kasper Wilton dem Teufel am Theater Lübeck eine Gehilfin zur Seite gestellt (Samantha Höfer), die all jene Dienste verrichtet, die der Magier nicht willens ist selbst zu übernehmen; vor allem als Marguerite Spiegelbild macht sie sich sehr gut.
Ein starkes, wandlungsfähiges Team sind die beiden ohnehin, er meist maliziös und dabei märchenonkelhaft grinsend, sie dienstbar, geschmeidig, wendig. Allerdings hat das düstere Gespann hier auffallend leichtes Spiel, denn die Individuen und ebenso die versammelte Soldateska zeichnen sich vor allem durch eines aus: durch Verführbarkeit. Der wilden Horde ...
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Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Jürgen Otten
Gleich drei Mal reiste Igor Strawinsky von Los Angeles nach Baden-Baden, um im Hans-Rosbaud-Studio seine Werke einzustudieren und aufzunehmen. Auch Paul Hindemith, Luigi Nono, Olivier Messiaen und Karlheinz Stockhausen waren mehrfach zu Gast, der junge Pierre Boulez startete hier seine Karriere als Dirigent. Das 1950 in nur sechs Monaten für seinerzeit 500 000...
Der Anfang ist magisch. Als Bild, als Klangereignis. Im leicht erhöhten Graben erklingt das A-Dur-Vorspiel als genau das, was sein Schöpfer in ihm sah, als «symphonisches Gedicht» in himmels -ätherischem Blau (so man, wie Richard Wagner, zumindest im Fall von «Lohengrin» ein Anhänger der Synästhesie ist), und auf der riesigen Lamellenwand, die sich über die gesamte...
Über Wolfgang Rihm zu schreiben – das haben die meisten der Publikationen, die sich darin versuchten, eindrücklich bewiesen –, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Einmal des gewaltigen Œuvres wegen, das einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart vorgelegt hat (rund 600 Werke umfasst die Liste), aber mehr noch, weil sich Rihm selbst in seinen Schriften...
