Über den Dächern von Paris
Die Riesenbühne der Pariser Bastille-Oper lädt zu großen Bildvisionen ein. Warum nur, wie’s im Textbuch steht, eine enge nächtliche Straße mit schäbiger Taverne im Hintergrund, wenn man sich gleichsam das ganze Paris in Form einer Landschaft aus Dächern, Kaminen, hohen Mietskasernen im Hintergrund und unter einem nachthellen Himmel auf die Szene zaubern kann? Nicky Rietis bildnerische Fantasie schwelgt in Filmerinnerungen.
Im Krimikino spielten die Dächer von Paris oder Nizza oder Marseille schon oft die Hauptrolle, warum also nicht auch zur Abwechslung einmal in der Oper, besonders wenn es sich um einen Krimi handelt wie bei Hindemiths «Cardillac»? Das Pariser Publikum, das die neue Inszenierung förmlich stürmte, war von der Optik der Aufführung entzückt. Wer wollte da mäkelig sein und das mühsame Herumstolpern der Akteure auf dem zerklüfteten «Dach»-Boden bemerken? Die meisten solcher effektmachenden Bildeinfälle behindern eher das Spiel, als es zu befördern. Der Versuch des Goldschmieds Cardillac, den Offizier, der ihm seine Kette abgekauft hatte, zu erstechen, scheiterte nicht nur an der Reaktionsschnelligkeit des trainierten Kämpfers, sondern auch an den vielen Luken, ...
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Gut möglich, dass John F. Coetzee, der südafrikanische Nobelpreisträger, Becketts «Warten auf Godot» im Hintersinn hatte, als er im Jahr 1980 seinen Roman «Waiting for the Barbarians» schrieb. Hier wie dort warten Menschen darauf, dass jemand auf der Bildfläche erscheint. Und in beiden Fällen entpuppt sich das Warten als wesentliche Handlung; diejenigen, respektive...
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Onegin trägt seine Sinnsuche in den Zuschauerraum, auf einen um den Orchestergraben gelegten Laufsteg. Sechsundzwanzig sei er, singt er gegen die Säule einer Parterreloge gelehnt, und das Nichtstun kotze ihn an. Ein Besucher in jener Loge fühlt sich angesprochen und zieht sich zurück ins Dunkel. Unangenehm betroffen. Nicht Onegins Schicksals wegen, sondern weil er...
