Trauerfahnen, (Schein-)Heilige, Himmelsstürmer
Seit mehr als drei Jahren reißen die Spekulationen über die Zukunft von Rolando Villazón nicht ab. Wenn er ein Konzert nicht abbricht wie am 7. August in Kopenhagen oder ganz absagt wie in Verbier, wird er von fanatischen Verehrern mit entrollter mexikanischer Flagge begrüßt. «Trauerfahnen wären», wie Ulrich Weinzierl nach dem Salzburger Konzert 2010 anmerkte, «eher angebracht gewesen» ob der «Schumann-Heine-Quälerei» mit der «Dichterliebe». Er müsse sich wohl einmal mehr eine Auszeit nehmen.
Sollte seine neue CD etwa Teil einer Reha-Maßnahme in diesem Sinne sein? Ein Projekt, das die angegriffenen tenoralen Ressourcenschont? Sie trägt den Titel «¡Mexico!», enthält 15 Lieder seiner Heimat (plus ein kleines Medley) und ist wohl in erster Linie dazu bestimmt, seine Fangemeinde einzustimmen auf neun Konzerte, die für November und Dezember in Wien, Paris, München, Mannheim, Hannover, Baden-Baden, Frankfurt, London und Birmingham angekündigt sind.
Villazón hatte sich («Ich wollte keine mexikanische Musik im Hollywood-Stil») ein Kammerorchester ausbedungen, das «die intime Stimmung dieser Musik einfängt und gleichzeitig das Feuer entfacht, das in ihr steckt». Indes wirken die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ich nippe gerade am Jasmintee, um die gesalzenen Sonnenblumenkerne aus den Zähnen zu spülen, als oben auf der Bühne, unter bunten Lampions und Troddeln, das Spektakel losgeht. Während die Trommelgruppe sich an rasanten Rhythmen die Finger wund hämmert, sausen Speere durch die Luft, werden mit blitzschnellen Drehungen pariert, durch galanten Fußkick auf den Gegner...
«Götterdämmerung» als Demonstration der Vererbungslehre? Wenn Hagen nach Siegfrieds Tod in einer brutal ausgespielten Szene seine Halbschwester Gutrune vergewaltigt, kann man diese Tat ganz aus den Genen begründen: Hatte sein Vater Alberich bei der Zeugung des Sohnes nicht einst Grimhild, der Herrschersgattin im Hause Gibichungen und Mutter von Gunther und Gutrune,...
Wenn die Dinge, das Denken und das Fühlen nur noch unterwegs sind, wenn sie keinen Halt mehr kennen, der die Bewegung unterbrechen, ihr Maß, Rhythmus und Sinn verleiht, wächst die Sehnsucht nach dem, was Ernst Bloch mit dem Wort «Heimat» meinte – die Utopie des mit sich und der Welt versöhnten Menschen. Je reißender, unüberschaubarer der Strom des beschleunigten...
