Trauerarbeit
Bevor die Aufführung beginnt, liest der Besucher auf einer Schriftwand, dass sich das folgende Geschehen einige Jahre nach den in «Il trovatore» geschilderten Ereignissen begibt. Wie viele Jahre? Es müssen wohl 350 oder 400 vergangen sein, wenn ein Mann in Grau (Luna) das Foyer eines großräumigen Hauses mit mürb-roten Wänden betritt und von der Gastgeberin, einer älteren Dame in vorgestriger Abendrobe, begrüßt wird (Azucena).
Eine junge Frau, nervös und ängstlich, kommt hinzu (Leonora), dann ein ältliches Faktotum (Ferrando), schließlich ein geckenhafter Proll mit blondierten Haaren und einer zu engen Reptilienjacke (Manrico).
Erst nach diesem stummen Vorspiel setzt das lugubre musikalische Vorspiel mit seinen sich windenden Arpeggi und den dramatischen Trompeten-Triolen ein. Blätter, die vom Faktotum verteilt werden, könnten Regieanweisungen sein oder Psycho-Protokolle über das, was den Figuren in Erinnerung geblieben ist von dem grässlichen Geschehen, das sie noch einmal nachvollziehen und zunehmend als reales Geschehen erleben. Es ist, so scheint es, das Bemühen, Kunst in Leben zu verwandeln und in einem Schauer-Drama die Gegenwart zu spiegeln.
Was wie der Versuch einer ...
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Opernwelt August 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Kesting
Finnlands größtes Opernfestival in Savonlinna feiert 100. Geburtstag. Dazu wurde eine Uraufführung in Auftrag gegeben: «La Fenice». Impulse gehen aber auch von der Kokkola Oper im Westen des Landes aus. Auch dort gab es ein neues Stück: im Mittelpunkt der Politiker Kekkonen, dargestellt von der Sopranistin Anu Komsi.
Die Neuproduktion der diesjährigen Bayreuther...
Michael Grandage, sonst eher mit Schiller-Tragödien als mit Stoffen der Gesellschaftskomödie zu größerer Bekanntheit gelangt, wirft mit seiner «Figaro»-Inszenierung eine Reihe von Fragen nach sozialem Status und Klassenzugehörigkeit auf. Die Produktion spielt in einem stilvoll-historischen Grandhotel im heutigen Andalusien, wo die Almavivas offenbar übers...
«Erich, nix baden – komponieren!», so sprach (laut Überlieferung durch Karl Böhm) einst während eines Urlaubsaufenthaltes am Wörthersee der gestrenge Wiener Musikkritiker Julius Korngold zu seinem noch unmündigen Sohn Erich Wolfgang. Das Resultat war die Renaissance-Tragödie «Violanta» – nach der Konversationskomödie «Der Ring des Polykrates» bereits die zweite...
