Bo Skovhus (Wozzeck), Camilla Nylund (Marie) in Düsseldorf; Foto: Monika und Karl Forster
Todeszonen
Die Wanduhr steht auf 6:57. Zwei, drei, vielleicht fünf Minuten, dann wird es vorbei sein. Von der Seite schauen Wachleute ungerührt zu dem Mann herüber, der, auf einer Pritsche festgeschnallt, noch mal den Kopf hebt und verzweifelt durch das bruchsicher verglaste Fenster blickt, hinter dem eine Gruppe Zivilisten sitzt, stumme Zeugen seiner Hinrichtung. Das Rollpult mit den Ampullen ist betriebsbereit, die Schläuche zur Armvene sind fixiert. Das Gift kann fließen. Ein Justizbeamter in Westernstiefeln prüft die Zeit, während ein Geistlicher den Delinquenten nach letzten Worten fragt.
«Hopp, hopp», stammelt der, und es ist, als drücke die ganze Not seines geschundenen Lebens diese Laute nieder. Es sind die Worte, mit denen Mariens Knabe am Ende von Alban Bergs Büchner-Oper auf dem Steckenpferd zur toten Mutter reitet. Hier sind es Wozzecks Worte.
Stefan Herheim und sein Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach rollen das Drama gleichsam von hinten auf. Als rasenden Film, der im Moment des Sterbens abläuft. Kopfkino aus der Todeszone. Die Streicher der Düsseldorfer Symphoniker setzen gerade zum ersten, abschüssigen Glissando an, die Holzbläser zum sprunghaften Geplapper, das die ...
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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrcht Thiemann
Dass ein Regisseur während der Produktion hinwirft oder erkrankt, kommt im Risikogeschäft Theater hin und wieder vor. Dass er die Arbeit gar nicht erst aufnehmen kann, weil er sich einem Justizverfahren ausgesetzt sieht, hat es wohl noch nie gegeben. Kirill Serebrennikov, der 2015 an der Oper Stuttgart eine sensationelle «Salome» inszenierte und 2016 an der...
Natur, Heimat, Seele – vermintes Motivterrain, vor allem auch im Theater, das, was idealtypische politisch-kulturelle correctness betrifft, gerne ganz vorne an steht. Das macht die aktuellen «Freischütz»-Aufführungen auch so interessant und überraschend: Man kann sich im Voraus kaum so recht ausmalen, was sich die szenografischen Interpreten wieder ausgedacht...
Neue Musik für oder mit Stimme – das ist der gemeinsame Nenner. Sonst haben die drei CDs wenig gemein. Die Sopranistin Sarah Maria Sun wirkt zwar gleich bei zwei der hier vorgestellten Produktionen mit. Doch das vergleichende Hören zeigt einmal mehr die (nicht mehr ganz so neue) Unübersichtlichkeit gegenwärtigen Komponierens an.
Sarah Maria Sun und ihr...
