Terra incognita
Das Theater ist für ihn das Labor, die Bühne der Seziertisch für unsere Ängste und Gefühle. Romeo Castellucci legt den unmittelbaren Zugang zu unseren intimsten Geheimnissen frei – Geheimnisse, die wir lieber unangetastet wissen wollen. Vertrauen wir uns der Führung Castelluccis an, dann wird sein Theater zum Vorstoß in eine terra incognita, die uns zugleich verzaubert und in Schrecken versetzt.
Prophetischer Visionär, der er ist, erfindet er die Mythologie neu und ist imstande, unseren Blick auf unser eigenes Leben, auf die Spezies Mensch und auf die Gesellschaft radikal zu verändern.
2005 sah ich im Antwerpener Kunstzentrum de Singel – einer Spielstätte, der Castellucci seit vielen Jahren die Treue hält – seine faszinierende «Tragedia endogonidia». Das war mein Erstkontakt mit Castelluccis Werk. Noch stärker sprach mich jedoch sein «Divina commedia»-Projekt an, so dass ich gleich nach meinem Amtsantritt als Brüsseler Opernintendant mit meinem Dramaturgen Christian Longchamp über Romeo Castellucci zu reden begann.
Als ich dann im Sommer 2008 die fesselnde «Parsifal»-Deutung von Stefan Herheim in Bayreuth sah, war ich von der Relevanz dieser Produktion für die Wagner-Rezeption, von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2014
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 114
von Peter de Caluwe
Dass die «Elektra» in Aix-en-Provence, Patrice Chéreaus letzte Regie-Arbeit, eine bezwingend genaue, hochemotionale theatralische Erzählung wurde, war nicht zuletzt ihr Verdienst: Evelyn Herlitzius zoomte die inneren Verheerungen der Figur grandios an das Publikum heran – ein wildes, gehetztes Menschenbühnentier mit böse lodernden, bitterschönen Tönen. Am Pult...
Wann hören wir endlich eine Arie?», soll Faustina Bordoni, eine der großen Primadonnen des 18. Jahrhunderts und Ehefrau des Komponisten Johann Adolph Hasse, voller Ungeduld eine halbe Stunde nach Beginn der Vorstellung einer französischen Oper gefragt haben. Die von Charles Burney überlieferte Anekdote wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Wirkung der...
Auf dieses Debüt waren alle gespannt: Christian Gerhaher als Mozarts skrupelloser Verführer? Dieser tiefernste, skrupulöse Sänger? Christof Loy schickte ihn in Frankfurt als alten Mann auf die Bühne, und er sang den Don Giovanni mit einer Stimme voller Abgründe, vereinte Kraft und Zerbrechlichkeit, Frische und Reife – und gestaltete die Rezitative so nuanciert wie...
