Szenischer Dauerdruck
«12 musiktheatralische tableaux» kündigt der Untertitel von Christian Josts Musiktheaterwerk «Hamlet» an – solcherart andeutend, dass er die Handlung zuzuspitzen sucht: auf charakteristische Momente, in denen die Essenz des Ganzen fassbar wäre.
Das freilich würde voraussetzen, dass man sich für eine vieler denkbarer Lesarten entschiede: Soll es um die politische, die philosophische oder die psychologische Dimension der Geschichte gehen? Es ehrt den Komponisten zwar, dass er diese Entscheidung nicht hat treffen und den von Shakespeare vorgegebenen Zusammenhang nicht auflösen wollte – für sein Stück war das gleichwohl eine unselige Weichenstellung. Denn statt verdichteter Momente bietet sein Text den narrativen Gesamtzusammenhang in gekürzter Form – also das Grundgerüst der handelsüblichen Literaturoper.
Dieser Vorgabe folgt dann leider auch die Musik: Sie setzt keine Schwerpunkte, sie charakterisiert nicht, sondern verharrt in einem Gestus expressiver Daueragitation. Während ein Stück wie Josts «Die arabische Nacht» (OW 06/2008) durch kluge Beschränkung starke Wirkung erzielt, bedient der Komponist sich hier fast aller vorstellbaren Mittel: Flüster-, Sprech- und Singchöre; arios ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Ingo Dorfmüller
Klingt gut. Kurze Stücke zeitgenössischer Komponisten, frisch aus dem Laptop, professionell produziert. Zeitopern für Leute, die mit Covent Garden eher Gaukler, Straßenmusikanten und Cafés als die Stars im hohen Haus assoziieren. Einer solchen Klientel kann man nicht mit Adès oder Birtwistle kommen, glaubt das fürs Linbury, die Werkstattbühne der Royal Opera,...
Müssen wir in Ildebrando Pizzettis 1958 an der Scala uraufgeführter Oper nach T. S. Eliots Schauspiel «Murder in the Cathedral» ein vergessenes Meisterwerk wiederentdecken? Die Verantwortlichen der Frankfurter Inszenierung – der Regisseur Keith Warner, der Dirigent Martyn Brabbins und der Protagonist John Tomlinson – sagen ja und führen mit ihrer verstörend...
Vielleicht hängt der internationale Erfolg des 1955 in Hiroshima geborenen Toshio Hosokawa mit einer Sehnsucht zusammen – der Sehnsucht der westlichen Welt, die kommerzielle Kolonialisierung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg rückgängig zu machen und die alte japanische Kultur wieder leuchten zu lassen: ihre puristische Strenge, ihren Antirealismus, den Kosmos...
