Szenischer Dauerdruck

Dortmund: Jost: Hamlet

«12 musiktheatralische tableaux» kündigt der Untertitel von Christian Josts Musiktheaterwerk «Hamlet» an – solcherart andeutend, dass er die Handlung zuzuspitzen sucht: auf charakteristische Momente, in denen die Essenz des Ganzen fassbar wäre.

Das freilich würde voraussetzen, dass man sich für eine vieler denkbarer Lesarten entschiede: Soll es um die politische, die philosophische oder die psychologische Dimension der Geschichte gehen? Es ehrt den Komponisten zwar, dass er diese Entscheidung nicht hat treffen und den von Shakespeare vorgegebenen Zusammenhang nicht auflösen wollte – für sein Stück war das gleichwohl eine unselige Weichenstellung. Denn statt verdichteter Momente bietet sein Text den narrativen Gesamtzusammenhang in gekürzter Form – also das Grundgerüst der handels­üblichen Literaturoper.

Dieser Vorgabe folgt dann leider auch die Musik: Sie setzt keine Schwerpunkte, sie charakterisiert nicht, sondern verharrt in einem Gestus expressiver Daueragitation. Während ein Stück wie Josts «Die arabische Nacht» (OW 06/2008) durch kluge Beschränkung starke Wirkung erzielt, bedient der Komponist sich hier fast aller vorstellbaren Mittel: Flüster-, Sprech- und Singchöre; arios ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Ingo Dorfmüller

Weitere Beiträge
Gänsehaut

Er hat ja schon etwas von einer Maschine, dieser Kalaf. Wie er stählern und furchtlos der grausamen Prinzessin gegenübertritt und ohne den Schatten eines Zweifels seinen Plan durchzieht, bis sie ihm gehört. Wohl deswegen wird er häufig als Machtmensch in-
szeniert. Mariusz Trelinski will es in Warschau anders machen: Ein Intellektueller ist Kalaf, sagt er, voller...

Verdi, romantisch

Es dürfte hauptsächlich rezeptionsgeschichtliche Gründe haben, dass die 1849 entstandene «Luisa Miller» noch immer zum frühen Verdi geschlagen wird. Denn was die dramatische Stringenz und die Verknappung der musikalischen Mittel angeht, steht diese dritte Schiller-Veroperung Verdis schon fast auf dem Niveau des «Rigoletto» – hier wie dort herrscht...

Bein(kleider)freiheit

Man kann sich bei Barrie Kosky auf einiges verlassen: seinen Hang zur Überbetonung, zum Showhaften, zum Gag. Aber mit ein bisschen Glück mischt sich zum Glamour auch die starke Geste, zum Vorlauten auch das stille Moment.

Für Letzteres ist im hannoverschen «Ring», der jetzt mit «Siegfried» in die Zielgerade einbiegt, vor allem das stumme Erda-Double zuständig:...