Suche nach einer verloren geglaubten Zeit

Vor 50 Jahren wurde Dmitri Schostakowitschs «Katerina Ismailova» zum ersten Mal außerhalb Russlands aufgeführt – in einer bulgarischen Provinzstadt an der Donau. Nun hat die Staatsoper Russe das Stück erneut auf die Bühne gebracht. Unter schwierigsten Bedingungen. Für die Regisseurin Vera Nemirova war das auch eine Reise

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«Darf ich das signieren?» Was für eine Frage. Aber natürlich. Wir bitten sogar darum. Wer weiß, wann wir Margarita Marinova noch mal treffen. In ihrem «Archiv», einem winzigen, über und über mit Aufführungsplakaten dekorierten Raum im zweiten Stockwerk des Plattenbaus gleich hinter der Oper. Einem unwirtlichen Kasten mit blinden Fenstern, verzogenen Türen und bröckelndem Beton. Im Winter ist es hier drinnen so kalt, dass man die dicke Jacke anbehalten muss. Wenn der Wind eisig durch die Ritzen pfeift.

Wenn wieder einmal die alte Heizung ausfällt, weil sie schlapp macht oder weil kein Geld mehr da war, um die letzte Rechnung zu bezahlen. Geprobt, geschneidert, geschweißt, geschraubt und gemalt wird trotzdem das ganze Jahr. Und Margarita Marinova ist auch jeden Tag hier. Irgendwie muss der Betrieb ja weitergehen – im Haus ihres Lebens, der Narodna Opera Russe.  

Schon hat sie aus dem Wust auf dem kleinen Schreibtisch einen Kugelschreiber gefischt, füllt die blassroten Vorsatzseiten einer Broschüre zum 40-jährigen Bestehen «ihrer» Oper mit einer Widmung in kyrillischen Lettern. Und erzählt ohne Punkt und Komma. Von den Anfängen 1949. Von dem Tagebuch, das sie seit Jahrzehnten über jede ...

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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Reportage, Seite 52
von Albrecht Thiemann

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