Stöhnen und Jauchzen, Zittern und Zagen
Tschaikowsky hielt sie für seine beste Oper – und das will etwas heißen bei diesem stets an sich selbst zweifelnden Komponisten: «Tscharodeika» oder «Die Zauberin» aus dem Jahre 1887 (genau genommen müsste der deutsche Titel eigentlich «Die Bezaubernde» lauten), ein Werk, das (fast) niemand kennt. Nun die französische Erstaufführung in Lyon: eine Wucht! Zwar versteht man, warum das Stück nie wirklichen Erfolg hatte, selbst in Russland nicht. In seiner drittletzten Oper (es folgten nur noch «Pique Dame» und «Iolanta») versucht Tschaikowsky sehr viel auf einmal.
Im Mittelpunkt steht eine junge Frau mit einem für damalige Standards skandalösen Lebenswandel. Als Betreiberin einer Schenke verdreht sie allen Männern den Kopf. Im ersten Akt sehen wir vor allem das «Volk». Pralle Chorszenen betonen das Pöbelhafte gefährlichen Gesindels. Offensichtlich orientierte sich der Librettist Schpazhinski an Puschkins grellem «Boris Godunow» und damit indirekt an Shakespeare. Auch der Komponist zielt – sieben Jahre nach Mussorgskys Tod – auf eine Darstellung russischer Geschichte «von unten».
Im Gegensatz zu Mussorgskys Puschkin-Bearbeitung spielt Tschaikowskys Oper nicht in Moskau, sondern in der ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Anselm Gerhard
Schon die Antike wusste es: «Wen die Götter lieben, der stirbt jung.» Sprich, wer auf dem Höhepunkt seines Ruhms stirbt, hat bessere Chancen, selbst in den Kreis der Götter und Heroen aufgenommen zu werden. Das gilt unter massenmedialen Bedingungen auch für den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der nicht zuletzt aufgrund seiner Ermordung am 22. November...
Am Anfang lief alles wie geschmiert. Intendant Alexander Pereira, stets auf der Suche nach neuen Märkten und Geldgebern für das Teatro alla Scala, konnte einen Kontakt mit Saudi-Arabien aufbauen. Ein knappes Drittel des Jahresbudgets der Mailänder Oper von zurzeit 125 Millionen Euro ist durch öffentliche Fördergelder gedeckt, den Rest muss das Haus selbst...
Unheimliche Dinge vernahm man über den Beginn des neuen Werks. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen soll bei der Premiere die Plüschbestuhlung im ehrwürdigen Brüsseler Opernhaus zum Zittern gebracht und die Ankunft des Raumschiffs apokalyptisch begleitet haben. Bei der fünften Vorstellung wollte man dem Publikum dann offenbar nicht mehr die volle Dosis des akustischen...
