Die Macht und das Mädchen
Im Anfang ist die wortlose Wollust. Aber sie ist, trotz der versöhnlich dahinströmenden Klänge im Graben, falsch: einseitig, dominant, unnachgiebig. Ein alter Mann beugt sich an einem schlichten Küchentisch über eine viel zu junge, nur mit einer bordeauxroten Bluse bekleidete Frau, bügelt die Wehrlose brachial platt, spreizt ihre Beine und dringt mechanisch auf sie ein.
Bevor es jedoch zum Schlimmsten kommt, betritt ein zweites weibliches Geschöpf, dem ersten verdächtig ähnlich, allerdings in schwarzen Jeans, weißer Bluse und grauem, bis über die Knie reichenden Kapuzenmantel den Raum, fläzt sich störrisch in einen modernen Drehsessel und unterbricht so das gespenstische Tête-à-Tête. Der Alte, in dem wir Johannas Vater erkennen, wendet sich vom Objekt seiner sinistren Begierde ab, das Mädchen verschwindet. Musik.
Mit diesem Entrée entblättert Lotte de Beer am Theater an der Wien sogleich ihre grundsätzliche Idee von jenem Stück, das bis heute ein Schattendasein fristet unter Tschaikowskys Bühnenwerken. Als eine epische Oper aus dem Geist der französischen Grand Opéra wollte der Komponist seine Adaption von Schillers Drama «Die Jungfrau von Orleans» verstanden wissen; zwei Jahre ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Bei der Suche nach einer Erklärung für Heinz Holligers unglaubliche musikalische Vitalität stößt man ziemlich schnell auf eine unhinterfragbare Größe: die menschliche Physis. Sie ist für ihn die Voraussetzung für jede Art von hörbarer menschlicher Äußerung, seien es nun Sprachlaute, Instrumentalklänge oder die Geräusche des lebenserhaltenden Atems. Darauf beruht...
Der Stoff fand sich bei Wikipedia. Auf einer Seite, die Hochstapler und Betrüger listet. Der schottische Dramatiker David Harrower liebt Geschichten aus dem echten Leben. Also nahm er sich einen authentischen Kriminalfall vor, als Luke Bedford ihn um ein Libretto für einen Einakter bat, den Londons Royal Opera House bei ihm für einen «Faust»-Schwerpunkt 2014...
Keine Aneinanderreihung von «Duetten und cavatine usw. usw.» hatte Verdi mit «La forza del destino» im Sinn, sondern eine «Oper der Absichten». Wenn allerdings mit Anna Netrebko und Jonas Kaufmann die größten Stars der Szene antreten, können die Absichten schon mal untergehen. Aficionados sollen in London auf dem Schwarzmarkt mehrere tausend Pfund für eine Karte...
