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«American Mother» von Charlotte Bray

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An einem Oktobermorgen im Jahr 2021 sitzen sich zwei Menschen an einem Tisch im US-Bundesstaat Virginia gegenüber: auf der einen Seite Diane Foley, die Mutter des Journalisten James Foley, und ihr gegenüber Alexanda Kotey, einer der IS-Terroristen, der für die Geiselnahme und Ermordung ihres Sohnes mitverantwortlich gemacht wurde. Wie der Schatten eines entfernten (Alb)Traums schwebt das Bild der vergangenen Ereignisse über der Szene. Ein Bild, das am 19. August 2014 um die Welt ging, als eine Aufnahme, die vermeintlich die Enthauptung James Foleys zeigt, veröffentlicht wurde.

«A Message to America», so der Titel des Videos und der Botschaft, die James Foleys letzte Worte sein sollten. Eine Drohung mit dem Ziel der Einschüchterung und Spaltung.

Sieben Jahre später setzt Charlotte Brays Oper «American Mother» ein, die als Auftragswerk für das Theater Hagen entstanden ist. Sie beschreibt den Tag der denkwürdigen Begegnung zwischen Diane Foley und Alexanda Kotey. Täter und Opfer – das ist die Prämisse, unter der sich die beiden treffen, und doch sprechen sie auch auf anderen Ebenen zueinander, als Mutter zu Vater, als Moslem zu Christin, als Mensch zu Mensch. Fragen von Schuld und ...

Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.

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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Magazin, Seite 87
von Thomas Rufin

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