Furcht, Zittern und Zucken
Es gehört zum Wesen von Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin», dass sie eine Zumutung ist für die Routine des Opernbetriebs. Wer das Stück anschaut, wird sich fragen müssen, ob er einen Satz wie «Du darfst nicht denken, dass ich beteiligt war am Massenmord» oder auch nur das Wort «Auschwitz» in klassischem, also einer traditionellen Ästhetik verpflichtetem Gesang hören möchte. Er wird sich vielleicht auch fragen, inwiefern es angebracht ist, bei dieser Bewältigungs-Oper des Grauens überhaupt Beifall zu klatschen.
Wem genau wird da applaudiert? Dem Mut der Akteure, die das kaum Darstellbare darzustellen versuchen? Dem Komponisten, selbst ein Leidtragender, der unseren Zuspruch nicht mehr hören kann? Oder feiern wir doch wieder nur dem Stolz auf die eigene Betroffenheit? Der Betrachter wird vielleicht auch unsicher sein, ob er in der Pause, nachdem KZ-Opfer über die Bühne gewankt waren, in sein Lachsbrötchen beißen und an seinem Sekt nippen möchte. Und er wird sich vielleicht wundern, wenn Lisa und Marta, die KZ-Aufseherin und ihr Opfer, beim Schlussapplaus händchenhaltend auf der Bühne erscheinen, um sich zu verbeugen.
Wenn Weinbergs «Passagierin» gespielt wird, ist nichts ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Clemens Haustein
Dass das «Opera Forward Festival» der Zeit vorauseilen will, steckt ja schon in seinem Namen. Dass es sich sogar selbst überholt, erstaunt dann aber doch: Bereits während des laufenden Festivals stellte Sophie de Lint, die Intendantin der Amsterdamer Nationaloper, das Programm des kommenden Jahrgangs vor. Das tat sie wohl auch deshalb, weil es 2026 eine...
Der Teufel mag es ungebärdig und ein wenig billig. Das ist seine Welt, da kennt er sich aus. Er mag den Zinnober, zündet Flämmchen an und hetzt die Masse auf, in der Hölle nur noch das Wort «Hass» zu skandieren. Ein schlimmes Wort, das hier noch gefährlicher zischt als sonst schon. Ein Tierlaut – sieht man davon ab, dass Tiere nicht hassen. In einer der schönsten...
Für seine Vertonung des Schauspiels von Oscar Wilde verzichtet Gerald Barry auf einen Höhepunkt des vom Plot aus dem Markus-Evangelium zur Sexphantasie für Oper, Literatur und Film gewordenen Narrativs über Salome. In der Textbuch-Einrichtung des irischen Komponisten singen alle Figuren in englischer Übersetzung, nur der am Ende geköpfte Prophet tut es in Wildes...
