Besichtigungen eines (Un)Glücks
Nein, die blaue Libelle fliegt hier nirgendwo hin. Wie auch, wo sie keine Flügel hat und weit und breit kein Gewässer zu sehen ist, stattdessen aber eine schäbige, mit Kritzeleien beschmierte Häuserfront im Dämmerlicht. An der lehnt, allein, einsam und nervös rauchend, die hinzuerfundene Mutter der Füchsin.
Augenblicklich wird klar, die «Libelle» (Alessia Aurora Rizzi) wartet an diesem unwirtlichen Ort, einem abgefuckten Amüsier -lokal mit dem Namen «Foxy’s», auf Kundschaft für ihren durch ein billiges, grünglitzerndes Minikleid nur spärlich verhüllten Körper, den sie benutzen und beschmutzen lässt, weil sie die Kohle braucht für das Heroin, das sie sich nach (unsichtbar) vollzogenem Geschlechtsakt in die Venen spritzt, um ein bisschen von jener Glückseligkeit zu empfinden, die ihr das Leben nicht zu bieten vermag.
Schon diese Eingangsszene lässt wenig Gutes hoffen. Und sehr bald wird auch deutlich, dass Peter Konwitschny für seine Inszenierung am Linzer Landestheater, zu der er selbst gemeinsam mit dem Dramaturgen Christoph Blitt eine neue deutsche Textfassung erstellt hat, auf Tiere gänzlich verzichtet. Janáčeks drittletzte Oper aus dem Jahr 1925 auf einen Bildroman, der weiland ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten, Gerald Felber, Markus Thiel
Zwei Königinnen. Durch beider Adern fließt, wiewohl in unterschiedlicher Konsistenz, kobaltblaues Tudor-Blut, mithin der uneingeschränkte Wille zur Macht. Viel mehr als diese Neigung aber verbindet die Frauen nicht. Weder der Glaube (sei es der an Gott, den Allmächtigen, ans Leben selbst oder an die Liebe) noch die Weltanschauung. Maria Stuart, Schottlands...
Thomas Mann bezeichnete sie als «wesenlos und allmächtig», Hugo von Hofmannsthal legte seiner Feldmarschallin von Werdenberg die Worte in den Mund, sie sei ein «sonderbar Ding». Unter dem Strich ist die Zeit vermutlich beides, und als hätte er dies schon Jahrhunderte vor Mann und Hofmannsthal geahnt, wenn nicht gewusst, überließ William Shakespeare ihr gleich einen...
Es gehört zum Wesen von Mieczysław Weinbergs Oper «Die Passagierin», dass sie eine Zumutung ist für die Routine des Opernbetriebs. Wer das Stück anschaut, wird sich fragen müssen, ob er einen Satz wie «Du darfst nicht denken, dass ich beteiligt war am Massenmord» oder auch nur das Wort «Auschwitz» in klassischem, also einer traditionellen Ästhetik verpflichtetem...
