Spiel des Lebens
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer ihn beschreibt, leidet unter einer signifikanten Persönlichkeitsspaltung; man könnte es ebensogut Schizophrenie nennen. Er ist zugleich Mensch und Tier, Anarchist mit bourgeoisem Hintergrund und Steppenwolf.
Hermann Hesse schickte ihn weiland, in seinem 1927 erschienenen Roman, auf eine weite Reise, die Harry zwar zu sich selbst, aber damit auch zu den Abgründen seiner Identität treibt. Zugleich ist Hesses Steppenwolf ein prophetisch Sehender, eine Art männliche Kassandra: Sein Blick, so heißt es im Roman, «durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit». Es ist ein Blick, der bis ins «Herz des Menschentums» geht.
Am Volkstheater Rostock, in Viktor Åslunds 2016 uraufgeführter Oper auf Hesse, gibt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Die Komponistin», so Virginia Woolf 1929 in ihrem Essay «Ein Zimmer für sich allein», «steht heute noch da, wo zu Shakespeares Zeiten die Schauspielerin stand» – im Abseits. Und sie zitiert das Verdikt eines Kritikers: «Das Komponieren einer Frau ist wie das Laufen eines Hundes auf den Hinterbeinen. Es geht nicht besonders, doch man ist überrascht, dass es...
Sie habe das Stück «von einem eher langsamen Märchen in einen rasanten und brutalen Thriller verwandelt», schickt die Regisseurin ihrer Inszenierung voraus. Katie Mitchell hat also das Märchen gestrichen. Es wird nicht durch die Luft geflogen, es gibt keine prächtig bedeutungsgeladenen Traum-Architekturen; nur dass Keikobads Leute Wolfsoder Vogelköpfe tragen, ist...
La Monnaie» begibt sich für die Opernnovität ins «Theâtre National de Wallonie». Was naheliegt, denn Michael De Cock, der Chef des Hauses für die frankophonen und frankophilen Belgier, fungiert als Librettist. Sein Text greift auf ein im Verein mit Carme Portaceli verfasstes Stück zurück. Nicht Flauberts Roman hat also den Weg zur Oper direkt vorgezeichnet, der...
