Spiel des Lebens
Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer ihn beschreibt, leidet unter einer signifikanten Persönlichkeitsspaltung; man könnte es ebensogut Schizophrenie nennen. Er ist zugleich Mensch und Tier, Anarchist mit bourgeoisem Hintergrund und Steppenwolf.
Hermann Hesse schickte ihn weiland, in seinem 1927 erschienenen Roman, auf eine weite Reise, die Harry zwar zu sich selbst, aber damit auch zu den Abgründen seiner Identität treibt. Zugleich ist Hesses Steppenwolf ein prophetisch Sehender, eine Art männliche Kassandra: Sein Blick, so heißt es im Roman, «durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit». Es ist ein Blick, der bis ins «Herz des Menschentums» geht.
Am Volkstheater Rostock, in Viktor Åslunds 2016 uraufgeführter Oper auf Hesse, gibt ...
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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen. Zuhause führt sie ein strenges Regiment, zu trinken gibt es nur kalten Lindenblütentee, und mit ihrer Entdeckung des «Schwarzen Waldmeisters» will sie in die Biologiehistorie eingehen: Nein, das ist eben nicht jene «Malwine, ach Malwine», von der die höhersemestrigen Operettenfans wissen, dass sie «wie eine Biene» sei. Falsches...
Im Ranking der meistgespielten Opern lebender Komponisten rangierte Kurt Weills Einakter «Der Zar lässt sich fotografieren» von der Uraufführung 1928 bis zu dessen Verbot 1933 auf dem zweiten Platz, gleich nach Strauss’ «Rosenkavalier». Seinen Erfolg verdankte Weills «Zeitoper» insbesondere ihrem gewitzten Aktualitätsbezug. In der Partitur pulsieren nicht nur Jazz...
Mit dem «Ring» ist es eine vertrackte Sache. Sieht man die vier Teile rasch hintereinander, setzt man sich nicht nur zeitlich einem Marathon aus, auch auf der Bühne wird zuweilen stimmlich und logistisch mit den Anforderungen gekämpft. Also gibt es an vielen Häusern oft große Pausen zwischen den einzelnen Stücken, um dann das Endergebnis als Zyklus zu präsentieren....
