Spiel des Lebens

Vera Nemirova inszeniert Viktors Åslunds Hesse-Oper «Der Steppenwolf» am Volkstheater Rostock virtuos als pralles, durchgeknalltes Menschentheater

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Das Genie des Leidens sitzt vorne rechts, am äußersten Rand der Bühne, an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Oder besser: Ein Teil von ihm sitzt dort, umgeben von Büchern, Notizheften, einem rotleuchtenden Blümlein, einer Flasche Wein und anderen nützlichen oder weniger nützlichen Utensilien. Harry Haller, «ein Mann von annähernd fünfzig Jahren», wie sein Schöpfer ihn beschreibt, leidet unter einer signifikanten Persönlichkeitsspaltung; man könnte es ebensogut Schizophrenie nennen. Er ist zugleich Mensch und Tier, Anarchist mit bourgeoisem Hintergrund und Steppenwolf.

Hermann Hesse schickte ihn weiland, in seinem 1927 erschienenen Roman, auf eine weite Reise, die Harry zwar zu sich selbst, aber damit auch zu den Abgründen seiner Identität treibt. Zugleich ist Hesses Steppenwolf ein prophetisch Sehender, eine Art männliche Kassandra: Sein Blick, so heißt es im Roman, «durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit». Es ist ein Blick, der bis ins «Herz des Menschentums» geht.

Am Volkstheater Rostock, in Viktor Åslunds 2016 uraufgeführter Oper auf Hesse, gibt ...

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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten

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