So krass wie möglich
Die neue Intendantin der Semper-Oper, Ulrike Hessler, ist drauf und dran, die Hörgewohnheiten ihres Publikums neu zu modellieren: Noch nie ist in Dresden Monteverdis spätes Meisterwerk «L’incoronazione di Poppea» produziert worden – am Ende der Aufführung schien das traditionssüchtige Opernpublikum Dresdens Wagner & Strauss völlig vergessen zu haben, es huldigte der Barockoper. Und damit einer modernen Inszenierung, die den Zynismus des Stücks auf die Spitze treibt.
Zum ersten Mal ist der Schauplatz Oper hier von Menschen bevölkert, lebenden Personen der römischen Geschichte, nicht mehr von mythischen Instanzen aus Pappe oder Marmor. Im Prolog streiten zwar noch göttliche Allegorien – Glück, Tugend und Liebe – boshaft um die Vorherrschaft in der Welt. Aber das sind in Dresden lediglich drei altkluge Hostessen, die die römische Unterschicht der Dienerschaft symbolisieren – neben dem Glamour der Royals um den verbrecherischen Kaiser Nero.
Regisseurin Florentine Klepper, Hausregisseurin am Theater Basel, zieht die heutige Aktualität des Historienkrimis nicht in Zweifel: «Happy End mit unglaublichen Kollateralschäden», nennt sie das Stück, das sie brillant analysiert hat und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Wolfgang Schreiber
«Hoffentlich beten Sie mit mir, dass SONNTAG aus LICHT kein ‹Ruhetag› sondern ein Tanz in die Sonne wird. FURCHTLOS WEITER! Ihr Stockhausen.» Den Briefappell des Komponisten von 1995 verstand die Kölner Oper nach mehr als einem Jahrzehnt wohl als ferne Aufforderung, die letzte Etappe, den «Sonntag» aus dem gewaltigen «Licht»-Epos der sieben Wochentage, erstmals...
Lieber Aribert Reimann,
sehr verehrte Damen und Herren,
der Zufall kann ein kluger Gefährte sein. Je näher der Termin der heutigen Laudatio rückte, desto häufiger beschlich mich ein Wort aus Bachs «Johannes-Passion». Es findet sich zu Beginn eines kontemplativen Bass-Ariosos und klingt fast wie Mörike: «Betrachte, meine Seel’, mit ängstlichem Vergnügen». Vergnügen...
Der Kalauer scheint unvermeidlich: Der Mann ärgert sich schwarz. Aber er würde, auch wenn die Aussage im Kern sogar ihr Richtiges hat, auf eine falsche Fährte führen und Eva-Maria Höckmayrs Freiburger «Otello»-Inszenierung banalisieren. Die reicht tiefer. Richtig ist, dass Otello, dem Luis Chapa mächtige tenorale Statur von hoher Durchschlagskraft verleiht, die...
