Sittenbild mit Löwe
Der Untergang des Dogen Foscari sei eine Metapher für den Verfall der Stadt Venedig – so ließ sich Regisseur Alvis Hermanis über sein neuestes Projekt vernehmen. Interessantes Konzept. Wenn sich da nicht eine historische Unstimmigkeit eingeschlichen hätte: «I due Foscari» spielt im Jahre 1457. Zu diesem Zeitpunkt aber stand Venedig noch auf der Höhe seiner imperialen Macht. Die Bilder, die der lettische Regisseur, der außerdem als Bühnenbildner tätig wurde, für seine Mailänder Inszenierung gefunden hat, stammen denn auch größtenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert.
Zwar waren dies für die Lagunenstadt tatsächlich Zeiten ökonomischen und militärischen Niedergangs. Andererseits zeitigte gerade diese Epoche eine nie dagewesene Blüte in den Künsten und der gehobenen Lebensart. Von einer, wie es im Vorfeld hieß, «historisch informierten» Produktion kann also nur bedingt die Rede sein.
Eine innovative Idee besteht im Bildzitat einer alten Reliefplastik, die bis heute den Dogenpalast in Venedig ziert: der Löwe des Heiligen Markus. Schon zur Ouvertüre sieht man Plácido Domingo als Foscari senior vor dem steinerenen Tier knien. Bei ihm sucht er Trost wie bei einer Hauskatze. Über den Abend ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Carlo Vitali
Bis auf «Platée», das beliebte Ballet bouffon, tauchen Rameaus Werke nach wie vor selten in den Spielplänen auf. Diskografisch steht seine Sache aber gar nicht schlecht – eine Nachwirkung des 250. Todestags 2014. Drei Neuerscheinungen der letzten Monate verdienen Beachtung.
In «Castor et Pollux» (gespielt wird die prologlose Version von 1754) lassen Raphaël Pichon...
Glöckchentöne einer Celesta. Gläserne Klangschlieren. Aus höchsten Fernen, raffiniert gemischt. Im ersten Moment ist kaum auszumachen, dass hier Piccoloflöten schwirren und Violinen flirren. So geht es los. Bald setzt die Stimme ein, behutsam, tastend, auf ruhigem Atem. «Let me tell you how it was», singt Barbara Hannigan, jeden Laut wägend, als suche ihr lyrisches...
Ein Raunen geht durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt. In historischen Gewändern aus guter alter Zarenzeit stehen da Mütterchen und Väterchen, Reiche und Arme, ein Mädchen mit rotem Kopftuch; Angst und Schrecken sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Dahinter in strahlendem Licht die riesige Replik eines Ölgemäldes von Wassili Surikow: der Rote Platz im...
