Nonsens nonstop
Furien sind grausam und launisch. Die der Ausmerzung scheint zudem vergesslich. Manch fälligen Richtspruch versäumt sie aus Schlamperei, manch anderes aus Schussligkeit. Ach ja, da gab es doch dieses kleine Meisterwerk «La Dame blanche» des liebenswürdigen François-Adrien Boieldieu, ein funkelndes Juwel der Opéra Comique? Auch in deutschen Landen bekannt und beliebt bis mindestens zur vorigen Jahrhundertmitte. Aber die Furie brachte es weder fertig, das Stück aus der Erinnerung der Opernfreunde völlig zu vertreiben noch ihm auf unseren Spielplänen wieder zur Geltung zu verhelfen.
Listig an dieser unerforschlich bösartigen Instanz vorbei brachte das mutige Gießener Stadttheater es jetzt aber doch auf die Bühne – unter dem deutschen Titel »Die weiße Dame».
Die deutsche Neuübersetzung von Regisseur Dominik Wilgenbus war, man konnt’s erahnen, lustig und animierend. Ohne Übertitelung ging leider das meiste verloren. Nicht misszuverstehen war indes die voll aufgedrehte Komik der Inszenierung, die Wilgenbus sowohl den Einzelfiguren als auch dem mal virtuos, immer liebevoll geführten Chor einimpfte. Das wippte, tänzelte und schunkelte, oft mit choreografischer oder gar marionettenhafter ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Hans-Klaus Jungheinrich
Nicht alles, was auf den ersten Blick glänzt, ist von bleibendem Wert. Und nicht alles, was zunächst trübe wirkt, bleibt dauerhaft im Schatten. Als die Deutsche Oper Berlin 2012 «Jenufa» herausbrachte, überwogen gemischte Gefühle (siehe OW 4/2012). Dirk Beckers aseptisch leerer Weißraum, in dem Christof Loy die Tragödie ganz aus dem inneren Drama der Küsterin...
Ein Raunen geht durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt. In historischen Gewändern aus guter alter Zarenzeit stehen da Mütterchen und Väterchen, Reiche und Arme, ein Mädchen mit rotem Kopftuch; Angst und Schrecken sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Dahinter in strahlendem Licht die riesige Replik eines Ölgemäldes von Wassili Surikow: der Rote Platz im...
Schon in der ersten Szene fällt das Stichwort, das wie ein Leitmotiv immer wiederkehren soll: «Wir arme Leut!» Auch für Paul-Georg Dittrichs neue «Wozzeck»-Inszenierung (in Bremen die erste nach 45 Jahren) ist die Unvereinbarkeit von existenzieller Armut und Tugend das Thema, das es auf zeitlose Gültigkeit hin zu überprüfen gilt. Deshalb legt sich die...
