Sehnsucht, subkutan
Die heiteren Gefühle bei der Ankunft auf dem Landgut der Frau Larina sind nurmehr folklorelose Skizze, wie nebenbei hingeworfene Schraffur: Ein dienstbarer Geist, natürlich weiblichen Geschlechts, füllt heiß aufgekochte Marmelade in Weckgläser ab. Eine Kollegin wischt den Boden, eine andere räumt Geschirr in den Wandschrank.
Dann geht Christof Loy sogleich ans Eingemachte von Tschaikowskys «Eugen Onegin», den er beherzt vom Klischee befreit (dem äußerlich-dekorativen wie dem innerlich-küchenpsychologischen), um kompromisslos in die Abgründe vorzudringen, die dieser romantisch gefärbte Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts bereithält.
Der Meisterregisseur schaut dazu einfach mal genauer hin als viele seiner Kollegen. Hört auf die Zwischentöne der Musik und deren geheime Seelenregungen und spürt den Entwicklungslinien der Figuren mit maximalem Einfühlungsvermögen nach – zumal jenen der eigentlichen Hauptfigur des Stücks, der Romane verschlingenden Tatjana. Loy leitet seinen Tiefenblick dabei sehr wohl aus einer Analyse gesellschaftlicher Strukturen ab, aus denen die Beziehungs- und Verhaltensmuster, die Werte, Sitten und – vor allem allzu männlichen – Unsitten der ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Peter Krause
Kaum ein Topos der Kulturgeschichte ist so sehr mit Assoziationen, Klischees und Vorurteilen überkrustet wie der der Femme fatale, der gefährlichen, verlockenden Schönen, die rigoros einzig sich selbst folgt, die Männer in den Untergang treibt, um ihnen wiederum zum Opfer zu fallen: Judith, Dalila, Carmen, Kundry, Salome, Lulu. Doch schon die Reihenfolge verweist...
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...
Zumindest für Science-Fiction-Freunde hält der Erfurter «Lohengrin» ein paar Augenblicke Kurzweil bereit. Dann nämlich, wenn man das Plündern einschlägiger Genrefilme, das Regisseur Hans-Joachim Frey und sein Ausstatter Hartmut Schörghofer so unbekümmert wie wenig durchdacht betreiben, zum Anlass für ein heiteres Zitate-Raten nimmt. «Metropolis», «Raumpatrouille...
