Ein Coup
Kaum ein Topos der Kulturgeschichte ist so sehr mit Assoziationen, Klischees und Vorurteilen überkrustet wie der der Femme fatale, der gefährlichen, verlockenden Schönen, die rigoros einzig sich selbst folgt, die Männer in den Untergang treibt, um ihnen wiederum zum Opfer zu fallen: Judith, Dalila, Carmen, Kundry, Salome, Lulu. Doch schon die Reihenfolge verweist auf Heterogenes: Wer sich da auf etablierte Konzepte verlässt, gerät in die Rollen-Falle. Dass das nicht so sein muss, zeigt die Frankfurter Oper, an der Barrie Kosky nun nach «Carmen» auch «Salome» inszeniert hat.
Gemeinsam ist beiden Arbeiten ein erhebliches Maß an Abstraktion. Bizets Zigeunerin und die Kollektive agieren in höchster Helligkeit auf einer Treppe, die an Revue, Musical, gar Busby Berkeleys choreografische Giga-Geometrien denken lässt: «There is no business like show business», ob beim Stierkampf oder im ebenfalls tödlich endenden Mann-Frau-Fight. Aus eben dieser Anti-Melodramatik gewinnt das Stück seine Dringlichkeit.
Im Falle der «Salome» droht die Gefahr der Analogie, eines exotisierenden Expressionismus oder aber jugendstilhafter Distanz. Selbstverständlich bietet Wildes wie Strauss’ Einakter viele ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Gerhard R. Koch
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