Seelensucher
Es gibt ein Foto, das zeigt ihn, wie er in einem Kornfeld steht, ein Mobiltelefon am linken Ohr, die rechte Hand leicht erhoben, so als müsse er dem imaginären Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung etwas erläutern oder als wolle er eine Mozart-Symphonie dirigieren. Der Blick ist konzentriert, hellwach, kritisch, vielleicht eine Spur angespannt.
Und wüsste man nicht, dass dieses Foto zur Jahrtausendwende im Umfeld der Bayreuther «Ring»-Inszenierung von Jürgen Flimm entstanden ist, könnte man ohne Probleme auch vermuten, Onkel Wanja stünde vor uns, der alte Grantler und Lebenssinnsucher, oder ein etwas in die Jahre gekommener Eugen Onegin.
Das Foto findet sich am Beginn des Bandes «Die gestürzte Pyramide», der seinen Titel einem Dramolett aus Flimms Feder verdankt, der Autor selbst hat es in seiner unnachahmlichen Art mit einem Text unterlegt: «Vor Hundings Hütte: Als die Winterstürme dem Wonnemonat gewichen waren. Im Reet: ein Regisseur!» Ein Regisseur, das war er in der Tat. Und einer der besten, die das deutsche Theater nach dem Zweiten Weltkrieg hervorbrachte. Doch Jürgen Flimm genügte das kaum, er besaß viele Talente. Er konnte nicht nur Stoffe durchleuchten, um sie mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2023
Rubrik: In Erinnerung, Seite 38
von Jürgen Otten
Wenn er in der ersten Probe ans Pult tritt, ist das Gros der Arbeit schon getan. Viel, ja: zu viel gilt es schließlich zu berichtigen, korrigieren, auszumerzen. Ohnehin hat Hartmut Haenchen gern eigenes Material dabei, was Musikerinnen und Musikern regelmäßig die Augen übergehen lässt. Fast in jedem Takt, fast auf jeder Note findet sich da ein für sie neues...
Das ganze Drama ist im Grunde erzählt, noch bevor viele Worte gefallen sind. Der Schmerz, die Sehnsucht (welche nur diejenigen Menschenkinder wirklich kennen, die wissen, welches Leiden mit ihr einherzugehen vermag), der Dualismus aus Liebestäuschung und -ent täuschung, die tiefsitzende Verzweiflung, das einsickernde Gift der Rache – alles ist bereits im «Prelude»...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Im Zug höre ich oft Musik, die bisher an mir vorübergezogen ist. Neulich: Rameaus «Castor und Pollux». Als Télaïres Lamento «Tristes apprêts» begann – da war es aus mit mir. Außerdem liege ich immer (sic!) wimmernd auf dem Boden (egal wo), sobald es im «Figaro» «Contessa, perdono …» heißt.
Wo würden Sie ein Opernhaus...
