Seelensucher
Es gibt ein Foto, das zeigt ihn, wie er in einem Kornfeld steht, ein Mobiltelefon am linken Ohr, die rechte Hand leicht erhoben, so als müsse er dem imaginären Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung etwas erläutern oder als wolle er eine Mozart-Symphonie dirigieren. Der Blick ist konzentriert, hellwach, kritisch, vielleicht eine Spur angespannt.
Und wüsste man nicht, dass dieses Foto zur Jahrtausendwende im Umfeld der Bayreuther «Ring»-Inszenierung von Jürgen Flimm entstanden ist, könnte man ohne Probleme auch vermuten, Onkel Wanja stünde vor uns, der alte Grantler und Lebenssinnsucher, oder ein etwas in die Jahre gekommener Eugen Onegin.
Das Foto findet sich am Beginn des Bandes «Die gestürzte Pyramide», der seinen Titel einem Dramolett aus Flimms Feder verdankt, der Autor selbst hat es in seiner unnachahmlichen Art mit einem Text unterlegt: «Vor Hundings Hütte: Als die Winterstürme dem Wonnemonat gewichen waren. Im Reet: ein Regisseur!» Ein Regisseur, das war er in der Tat. Und einer der besten, die das deutsche Theater nach dem Zweiten Weltkrieg hervorbrachte. Doch Jürgen Flimm genügte das kaum, er besaß viele Talente. Er konnte nicht nur Stoffe durchleuchten, um sie mit ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: In Erinnerung, Seite 38
von Jürgen Otten
Das Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz hat sich mit Ausgrabungen einen Namen gemacht. Jetzt setzt Intendant Moritz Gogg noch eine Operetten-Uraufführung obendrauf. Daniel Behle und das erzgebirgische Theater treten feuchtfröhlich gegen das verbreitete Klischee an, die Operette sei tot, weil nichts Neues mehr komme.
Behle ist ein erstklassiger Tenor...
Der 5. März 1953 ist in die Geschichtsbücher als jener Tag eingegangen, an dem zwei Menschen das Zeitliche segneten, deren Wirken zwar eng miteinander verknüpft war, von denen aber der eine so prominent war, dass man das Dahinscheiden das anderen darüber beinahe vergaß. Mit Josef Wissarionowitsch Stalin starb einer der übelsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, mit...
Roms Glaube ohne Worte!» wollte Friedrich Nietzsche in Richard Wagners «Parsifal» gehört haben, nachdem er vom Verehrer zum Intimfeind des Bayreuther Meisters mutiert war und auf dessen kunstreligiöse Anwandlungen nebst Keuschheitsethik nur mehr mit Bissigkeit antworten konnte. Um die böse Sentenz des Philosophen bloß nicht zu bestätigen, tilgt Michael Thalheimer...
