Schottland tanzt, turnt, turtelt

Jossi Wieler und Sergio Morabito holen in Stuttgart Händels «Ariodante» blitzgescheit ins Heute, Giuliano Carella steuert mit Verve die musikalischen Prozesse

Opernwelt - Logo

Dieses Bild: be(d)rückend trist. Ein Alptraum. Einsam, verlassen liegt da, auf leerer Bühne, die Königstochter, maskiert, in sich gewendet, zernichtet und doch angeweht von metaphysischer Seligkeit, um sich herum spiegelverzerrte Videosequenzen der Erinnerung (Voxi Bärenklau). Nur noch eines will sie, das Ende. Und so singt Ana Durlovski sich diesen Wunsch nach dem Jenseits glühend-innig von der Seele, begleitet von tief seufzenden, in Terzen, Quinten und Oktaven abstürzenden Achteln des eloquenten Orchesters.

Nicht zufällig steht Ginevras ausufernde Larghetto-Arie «Il mio crudel martoro» am Ende des zweiten Akts in der Tonart, die Händel zuvor bereits ihrer Hofdame Dalinda und Lurcanio, dem Bruder ihres Verlobten, zugeteilt hatte. E-Moll, das ist in diesem Stück die Tonart der Gedemütigten, klanggewordene Introspektion. Verblichen jene frühlingshaft-unbeschwerten Stunden, als Ariodantes Verlobte ein trotzig-kapriziöses Mädchen war, das seinen Schmuck liebte und mit kecken Worten die Hässlichkeit Polinessos, des hölzernen Herzogs von Albany, verhöhnen durfte. Nun aber, da das Gift der Intrige seine Wirkung getan hat, da die tödliche Herzensangst der c-Moll-Arie «Mi palpita il core, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Vollblut

Nanu, was ist denn das? Den Besucher grüßt beim Betreten des Parketts ein sommerlich-heiterer Bühnenprospekt mit fröhlichen, Luftballons schwenkenden Kids auf der grünen Wiese. Wie ein Foto vom letzten Kindergeburtstag. Davor hocken Kinderdarsteller am Boden; wie sich dann herausstellt, sind es die Atridengeschwister Elektra, Chrysothemis, Orest und Iphigenie in...

Guilty Pleasures

Leopold Stokowski, in Deutschland verkannt, andernorts aber hochgradig verehrt – Carlos Kleiber etwa nannte ihn «Stokey, das Genie» – gebot über ein riesiges Repertoire. Nur in der Oper machte sich der Dirigent rar. Immerhin, in den USA präsentierte er erstmals Bergs «Wozzeck» (1931) und Modest Mussorgskys Original-Version des «Boris» (1929). Am bekanntesten und –...

Seltsam unpersönlich

Warum William Shakespeares «Wintermärchen» als Problemstück gilt, liegt auf der Hand: Es enthält Stoff für mindestens zwei Dramen. Das Erste geht so: Leontes, König von Sizilien, wirft in einem Anfall unbegründeter Eifersucht seine hochschwangere Frau Hermione ins Gefängnis, ihr Neugeborenes lässt er beiseiteschaffen. Zu spät bestätigt das Orakel von Delphi die...